„Wir müssen uns ändern, nicht den Menschen mit Demenz!“

Laut einer Studie, die im Juli 2017 im britischen Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht wurde, ließe sich die Zahl der weltweiten Demenzfälle reduzieren, wenn die Risikofaktoren konsequent und von Kindheit an bekämpft würden. „Hochinteressant – und leider übertrieben“, sagt Prof. Dr. Kurz, Leiter des Zentrums für Kognitive Störungen und Rehabilitation am Klinikum rechts der Isar der TU München. Im Interview erklärt der Experte, was an der Studie wirklich dran ist und welchen Risikofaktoren man tatsächlich entgegenwirken kann.

Herr Prof. Dr. Kurz, mit welchen Faktoren hängt die Wahrscheinlichkeit zusammen, im Alter an Demenz zu erkranken?

Mit mehreren Faktoren, die individuell ganz unterschiedlich sind. Manche davon sind nicht beeinflussbar wie das Lebensalter oder die genetische Konstellation. Andere stellen Gesundheitsstörungen dar, die zwar nicht immer vermeidbar, aber behandelbar sind. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Depression und Schwerhörigkeit. Eine dritte Gruppe sind veränderbare Merkmale der Lebensführung wie geringe Schulbildung, Rauchen, Übergewicht sowie Mangel an körperlicher und sozialer Aktivität.

Herzliche Begrüßung beim Demenz-Theater "Vergissmeinnicht" in Berlin

Eine aktuelle britische Studie besagt, dass man ein Drittel der Demenzerkrankungen verhindern kann, indem man bestimmte Risikofaktoren – wie z.B. Bluthochdruck – konsequent beseitigt. Was halten Sie davon?

Es gibt tatsächlich vier Studien, die mehr oder weniger dasselbe sagen und auf die gleiche Weise argumentieren: Wir wissen, dass es diese Faktoren gibt. Wir wissen auch, wie häufig sie in der Bevölkerung auftreten und wie hoch das damit verbundene relative Risiko für Demenz ist. Diese Zahlenwerte bekommt man aus Untersuchungen mit Menschen, die diese Faktoren haben, im Vergleich zu Menschen, die sie nicht haben. Zum Beispiel: Man untersucht eine Gruppe in einem bestimmten Alter mit Bluthochdruck und eine, die die Krankheit nicht hat. Dann untersucht man einige Jahre später, wie häufig eine Demenz in den beiden Gruppen aufgetreten ist. Dann weiß man, bei jemandem, der Bluthochdruck hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er im Alter eine Demenz bekommt, 1,6-mal höher als bei jemandem, der keinen hat. Das heißt aber nicht, dass der Hochdruck die Ursache der Demenz ist.

Das bedeutet?

Es gibt noch weitere Faktoren, die eine Auswirkung auf die Demenz haben. Deshalb kann man keine kausale Schlussfolgerung ziehen. Was man aus diesen Untersuchungen erkennt, ist, wie häufig Bluthochdruck oder Diabetes in der Bevölkerung und wie hoch das damit verbundene Demenzrisiko ist. Und daraus errechnen diese Studien, welcher Anteil von allen Demenzen in der Bevölkerung auf diese Faktoren zurückzuführen ist, nämlich ein Drittel. Die Schlussfolgerung ist, wenn man diese Risikofaktoren konsequent eliminiert, müsste die Häufigkeit von Demenzen sinken. Das ist Theorie.

Wir müssen uns endlich von der Auffassung verabschieden, dass man im Alter nur rumsitzt und fern schaut.
Prof. Dr. Alexander Kurz, Klinikum rechts der Isar

Und wo ist der Haken?

Die meisten der Risikofaktoren kann man nicht einfach wegzaubern. Außerdem muss man die Frage stellen: Für welchen Risikofaktor gibt es überhaupt gesicherte Erkenntnisse, dass, wenn man ihn verringert, die Häufigkeit für Demenz sinkt? Das kriegt man nur mit Untersuchungen raus, die gar nicht so einfach oder nicht praktikabel sind.

Gibt es trotzdem welche, bei denen dies untersucht wurde?

Ja, Bluthochdruck ist einer der wenigen Faktoren, bei denen man den Eindruck hat, wenn man ihn behandelt, senkt das tatsächlich die Häufigkeit von Demenzerkrankungen.

Was halten Sie nun von der Studie und ihrer Aussage?

Die theoretische Hochrechnung ist sehr interessant, das Ergebnis wird in den Medien aber überzogen dargestellt. Es ist übertrieben zu sagen, dass 35 Prozent von allen Demenzen verhindert werden könnten, da die Möglichkeiten, die man in der Praxis dazu hat, zum Teil nicht gegeben sind. Natürlich spricht aber alles dafür, dass man vernünftig lebt. Und was man tun kann, um den Risikofaktoren entgegenzuwirken, das soll man tun.

Welche Tipps würden Sie aus ihrer Praxiserfahrung empfehlen?

Geistige Aktivität ist außerordentlich wichtig. Und da sollte jeder das tun, was ihm lieb ist. Es nutzt nichts, wenn man nur zwei Jahre lang sein Gehirn trainiert oder erst mit 85 Jahren anfängt. Man muss sich das zur Gewohnheit machen, dabei ist es den grauen Zellen aber egal, ob man nun Sudoku löst, Musik macht, Tanzen geht oder Bücher liest.

Gesellschaftsspiele mit Alt und Jung im Demenz Café Malta
Demenz-WG in Altenburg

Was ist mit körperlicher Aktivität?

Ich persönlich halte sie für ebenso wichtig wie die geistige Aktivität, denn sie hat sehr umfangreiche Folgen. Bewegung ist fürs Hirn gut, für die Knochen, die Muskeln, das Herz. Sportmediziner empfehlen vier bis fünfmal in der Woche mindestens 30-45 Minuten eine so anstrengende Bewegung, dass der Herzschlag hochgeht. Das ist für einen alten Menschen nicht so einfach, manche haben vielleicht schon Schmerzen oder körperliche Probleme, die sie einschränken.

Was raten Sie ihnen?

Man sollte so viel körperlich machen, wie man es eben hinkriegt. Und vorher mit dem Hausarzt sprechen, damit man nicht in einen Herzinfarkt hineinläuft. Für ältere Menschen empfiehlt sich Nordic Walking, Fahrrad fahren, Schwimmen, Tanzen – mehrfach in der Woche, sodass man wirklich in Fahrt kommt. Körperliche Aktivität muntert ja auch geistig auf, diese Erfahrung hat jeder schon gemacht.

Welchen Einfluss hat die Ernährung?

Man muss keine bestimmte Diät einhalten. Ernährungsphysiologen sagen, man kann essen, was man will, aber eben von allem nicht zu viel. Wichtig ist, darauf zu achten, dass man auf ein Normalgewicht hinarbeitet und Übergewicht verhindert.

Sportlich aktiv bleiben mit Demenz
Musik mit Demenz

Haben Sie noch weitere Tipps?

Ja, einen letzten Faktor, den man ebenfalls beeinflussen kann: soziale Aktivität. Man sollte etwas machen, das einen mit anderen Menschen zusammenbringt. Das kann Vereinsarbeit sein, ein Ehrenamt, irgendwas. Wir müssen uns endlich von der Auffassung verabschieden, dass es normal ist, wenn man im Alter nur rumsitzt und fern schaut. Das darf nicht das Bild des alten Menschen bleiben, so war das vielleicht vor 50 Jahren. Heute sind Ältere mobil und aktiv.

Haben Sie eigentlich Angst davor, selbst an Demenz zu erkranken?

Nein. Mit der Möglichkeit muss jeder von uns rechnen. Ich kenne es aus meiner Familie: Meine Großmutter ist 100 Jahre alt geworden, in den letzten acht Jahren war sie dement. Das hat an ihrem Wohlbefinden aber nichts geändert. Die Menschen um sie herum haben sich darauf eingestellt, man hat ihr geholfen und sie hat die Sachen bekommen, die ihr wichtig waren. Die nachlassenden kognitiven Fähigkeiten sind eigentlich für die Menschen nicht das große Problem. Das Problem ist die Folge davon: Man ist isoliert, man bekommt nicht mehr alles mit und kann Tätigkeiten, die man vorher gewohnt war, nicht mehr ausführen. Doch: Ob man durch eine eingeschränkte kognitive Leistung behindert ist oder nicht, hängt stark von den Umständen ab, unter denen man lebt und von dem Verhalten meiner Umgebung. Das ist für mich der Schlüssel für ein gutes Leben trotz Erkrankung: Wir müssen uns ändern, nicht den Menschen mit Demenz.

Prof. Dr. Alexander Kurz vom Klinikum rechts der Isar
Info
  • Alexander Kurz ist Leiter des Zentrums für Kognitive Störungen und Rehabilitation am Klinikum rechts der Isar der TU München. Forschungsschwerpunkte sind degenerative Erkrankungen und Störungen der Hirnleistung, darunter seltene Ursachen der Demenz.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützt viele Projekte, die Menschen mit Demenz aktivieren und mit anderen zusammenbringen, wie zum Beispiel das Projekt „Vergissmeinnicht“ vom „Theater der Erfahrungen“ in Berlin. Demenziell Erkrankte, die Theater spielen – geht das überhaupt? Oh ja! Wie, verraten wir Ihnen hier ab Freitag, 22.9., in einer Reportage. Schauen Sie also wieder vorbei!
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