Erst steckt es an, dann heilt es: Über die Kraft des Lachens

Seit über sieben Jahren kämpft Antje Kilian als Klinikclown "Socke" mit Seifenblasen gegen Sorgen und Schmerzen. Zum Weltlachtag am 7. Mai 2017 sprach sie mit der Deutschen Fernsehlotterie über ihre Arbeit und die besondere Wirkung von Humor auf kranke und pflegebedürftige Menschen.

Klopf, kopf! Vorsichtig steckt „Socke“ ihren Kopf in das Zimmer. Dort sitzt ein junges Mädchen im Rollstuhl. Schüchtern schaut sie zur Tür. Socke betritt langsam den Raum, schickt einen Schwarm Seifenblasen in die Richtung des Kindes. Mit großen Augen werden sie verfolgt, bis sie in der Luft zerplatzen.

Dann holt Socke einen blauen Luftballon aus der Tasche. Mit viel Kraft pustet sie ihn auf. Pffft! Pffft! Pffft! Und dann… flutscht der Ballon von ihrer Pumpe und saust durch den Raum. Socke versucht es noch einmal, doch wieder fliegt der Ballon flirrend davon. Die kleine Beobachterin jauchzt vergnügt.

Die Klinik-Clowns "Socke" und "Petronella" im Aegidius Haus

Seit über sieben Jahren muntert Antje Kilian als Klinikclown Socke von den Clinic-Clowns-Hannover e.V. kranke oder pflegebedürftige Menschen auf. Manchmal mit Seifenblasen, manchmal auch mit fröhlichen Liedern auf der Gitarre, immer mit improvisiertem Spiel aus dem Moment heraus. Ins Aegidius-Haus, eine Kurzzeitpflegeeinrichtung für Kinder und junge Menschen mit Beeinträchtigungen, kommt sie einmal in der Woche, gemeinsam mit ihrer Kollegin „Petronella“.

Frau Kilian, zunächst einmal ganz allgemein: Was macht für Sie ein Lachen aus?
Mir geht immer das chinesische Sprichwort durch den Kopf „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.“ Das sagt doch wunderbar aus, was Lachen bewirken kann: Man trifft sich auf einer Ebene, die keine Worte braucht. Das finde ich schön. Und klar, wenn im Alltag jemand schmollt und ein anderer es schafft, ihn über das Lachen da raus zu holen – das sind befreiende Momente.

Die Klinik-Clowns "Socke" und "Petronella" im Aegidius Haus

Und jetzt etwas konkreter: Wie wichtig ist Lachen als Therapie?
Es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass Lachen heilsam ist. Zum Beispiel eine aus 2016 von der Universität Greifswald, die sich konkret mit der Frage beschäftigt hat: „Sind Clowns im Krankenhaus hilfreich?“ Dort wurde der Wert des Hormons Oxitocyn, das eine wichtige Rolle bei der Stressregulation spielt, vor und nach einem Clown-Besuch gemessen – und er war danach nachweisbar höher. Das heißt, die Begegnung mit dem Clown hat sich positiv ausgewirkt und das bestätigt, was wir im Krankenhaus bei unseren Auftritten seit Jahren erleben.

Lachen ist kein Allheilmittel. Was kann es aber trotzdem bei kranken Menschen bewirken?
Es kann sie von schweren Gedanken oder Schmerzen ablenken. Es kann bewirken, dass sie sich wieder lebendiger und lebensfroher fühlen und Hoffnung schöpfen. Ein Kind kann einfach wieder Kind mit Spieltrieb sein, und alles Medizinische darf für einen Moment in den Hintergrund rücken. Und über das gemeinsame Lachen lernt man auch den Zimmernachbarn besser kennen. Ein Miteinander zu schaffen, ist uns ein großes Anliegen.

Wer Menschen nicht liebt, der ist in diesem Job falsch.
Antje "Socke" Kilian, Clinic-Clowns Hannover e.V.

Unterscheiden sich Besuche auf Kinderstationen von denen bei Erwachsenen?
Mein Eindruck ist, dass es bei Kindern oft bewegter und körperlicher zugeht. Bei Senioren darf man das Tempo dagegen ein bisschen herausnehmen. Wobei das nicht heißt, dass es nicht auch sehr turbulent sein kann. Erwachsene haben auch mehr Lebenserfahrung gesammelt. Da arbeitet man häufig in einer Bildsprache und findet Metaphern, die einen weitertragen und Hoffnung geben. Und dann ist es oft aber auch ganz ähnlich, weil in jedem von uns ja auch irgendwie noch ein Kind steckt.

Ob Kinder, Erwachsene oder Senioren – gibt es ein Lach-Rezept, das immer funktioniert?
Nein. Die Menschen sind ja ganz unterschiedlich und auch die Situationen, in denen wir sie antreffen. Es kann sein, dass wir klopfen und die Stimmung ist ohnehin gut, weil sich die Zimmernachbarn verstehen. Und dann wird es eben noch lustiger. Es kann aber auch sein, dass die Person gerade eine schlechte Nachricht bekommen hat und eher jemanden zum Zuhören braucht. Aber klar, es gibt Sachen, die funktionieren bei vielen. Wenn wir als Clowns scheitern, zum Beispiel. Das sieht man einfach gern, weil man sich selbst darin wiederfindet. Und wenn sich jemand dabei nicht unterkriegen lässt, was ja bei Clowns so ist, dann ist das auch eine mutmachende Art mit dem Scheitern umzugehen.

Info
  • Antje Kilian arbeitet seit 2010 als Klinikclown „Socke“. Mit ihrer Kollegin „Petronella“ besucht sie einmal wöchentlich das Aegidius-Haus Auf der Bult Hannover. Die Kurzzeitpflegeeinrichtung für Kinder und junge Menschen mit Beeinträchtigungen im Alter von 0 bis 25 Jahren wurde von der Deutschen Fernsehlotterie mit 300.000 Euro gefördert und bezahlt die Clinic-Clowns mit Spenden.
  • Der Verein Clinic-Clowns Hannover ist mittlerweile mit 14 Clowns in zehn Kliniken in Niedersachsen aktiv.
  • Am 7. Mai ist Weltlachtag! Dieser wird jährlich am ersten Sonntag im Mai begangen und hat das Ziel, ein globales Bewusstsein der Gesundheit, des Glücks und des Friedens durch das Lachen zu erreichen.

Sie sagten gerade, dass manche einfach nur jemanden zum Zuhören brauchen: Sind Sie als Clown auch für sowas da?
Durchaus, auch wenn wir dann versuchen, aus dem Zuhören in ein aktives Miteinander zu gelangen. Wir sind darin geschult, aufzunehmen was da ist. Im Gegensatz zum Bühnenclown, der ein festes Programm hat, das die Leute zum Lachen bringen soll, improvisieren wir immer mit dem, was wir antreffen.  Es ist natürlich auch unser Ziel, dass wir ein Lächeln oder ein Lachen erreichen. Wir merken aber auch, wenn es gerade weniger albern und etwas ruhiger sein soll. Bei uns geht es hauptsächlich um die Begegnung und darum, die Situation aufzulockern.

Ein Clown in der Manege erhält Applaus, wenn er gut war. Woran lässt sich der Erfolg eines Klinikclowns messen?
Wenn man aus dem Zimmer geht und das Gefühl hat: Die Stimmung ist dort jetzt gelöster. Oder wenn es gelungen ist, Angehörige aus ihrer Anspannung zu holen und damit auch dem Kind eine Last abzunehmen. Oder wenn Zimmernachbarn plötzlich miteinander reden, die vorher nicht einmal den Namen des anderen kannten. Erfolg ist auch, wenn wir unterschiedliche Kulturkreise vernetzen können. Ich habe immer ein Mini-Notizbuch dabei, in dem Wörter in verschiedenen Sprachen stehen. Manchmal frage ich auch einfach, wenn ich Dinge nicht weiß. Ich frage, was „Guten Tag“ heißt oder „Wie geht’s?“. Und natürlich „Rote Nase“. Wenn ich diese Dinge weiß, dann gibt es meist ein großes Strahlen.

Antje Kilian als Klinikclown Socke mit einer Patientin

Geht Ihnen das Lustige angesichts der oft traurigen Schicksale manchmal schwer über die Lippen?
Die Schicksale berühren mich sehr. Aber wenn ich in der Clownsfigur stecke, dann geht  das Schicksal erstmal durch mich durch und ich bin ganz im Moment und ganz in der Begegnung. Würde ich den Fokus auf die Krankheit legen, dann wäre es schwierig, zu unbeschwerten Momenten zu gelangen. Manchmal kommt die Schwere, wenn ich aus einem Zimmer herausgegangen bin. Dann ist es sehr hilfreich, dass wir größtenteils in 2er-Teams unterwegs sind und uns austauschen und gegenseitig den Rücken stärken können.

Welche Eigenschaften muss ein Klinikclown noch mit sich bringen – außer lustig zu sein?
Kontaktfreude ist ein absolutes Muss! Wer Menschen nicht liebt, der wäre in diesem Job falsch. Spontanität und Schlagfertigkeit. Und: Man darf nicht nachtragend oder schnell beleidigt sein. Es kommt schon auch mal vor, dass man etwas um die Ohren gepfeffert bekommt.

Das heißt, manche Menschen reagieren nicht freundlich auf Sie?
Jugendliche sind manchmal sehr herausfordernd. Sie wollen oft in ihrer Coolness bleiben, was wir auch total respektieren. Wir ziehen aber auch nicht den Kopf ein, sondern nehmen die Herausforderung an. Dann bohren wir ein bisschen oder sind einfach extrem bescheuert. Wenn wir dann die Tür hinter uns zu machen, geht oft erst das Gelächter los – weil sie uns einfach so dämlich fanden.

Als Clown kann ich bewirken, dass sich kranke Menschen einen kurzen Moment wieder lebensfroher fühlen.
Antje "Socke" Kilian, Clinic-Clowns Hannover e.V.

Wie oft lachen Sie eigentlich selbst am Tag?
Oft. (lacht)

Und schätzen Sie doch mal: Wie viele Menschen haben Sie als Clown wohl schon zum Lachen gebracht?
Das ist eine spannende Frage! Ich mache das jetzt seit sieben Jahren, zwei bis dreimal die Woche bin ich unterwegs. Pro Tag erreiche ich, je nach Einsatzzeit, zwischen 50 und 100 Personen: Patientinnen und Patienten, Angehörige, Freunde, Pflegepersonal, Medizinisches Personal… Wenn man das dann hochrechnet, geht das wohl in die Zehntausende…

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