Runter von der Straße

Fern von der Familie, kein Dach über dem Kopf: Mehrere tausend Straßenkinder sind in Deutschland auf sich gestellt. Die Organisation Off Road Kids fängt sie auf und hilft ihnen, endlich ein geregeltes Leben zu führen.

Sie hat auch schon mal in Handschellen mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig gelegen, klar. Wenn Saskia mit ihren Freunden „Randale gemacht“ hat, Alkohol im Spiel war und sie dann erst recht nicht auf die Polizisten gehört hat, die wegen ihnen anrücken mussten. In einer Zelle ließ man sie dann ausnüchtern und „erst mal runterkommen“; anrufen konnte sie niemanden, wen denn auch? „Ich war auf mich gestellt.“ Inzwischen ist die junge Frau vernünftiger im Umgang mit den Ordnungshütern: „Wenn man freundlich zu denen ist, sind die auch freundlich zu einem.“

Sie erzählt fast schon mit mütterlichem Spott von den Erlebnissen der jüngeren Saskia in den letzten vier Jahren, ihren Jahren auf der Straße. Die junge Frau, heute ist sie 21 Jahre alt, wurde kurz nach ihrem 18. Geburtstag zum „Straßenkind“.

Die Bezeichnung möge für Volljährige nicht ganz passen, aber diese Jugendlichen seien zweifellos hilfebedürftig, sagt der diplomierte Sozialarbeiter Jens Elberfeld. Er leitet die Dortmunder Stelle der Jugendhilfe-Organisation Off Road Kids, dem einzigen überregionalen Streetwork-Netzwerk Deutschlands. Dessen Sozialarbeiter betreuen Jugendliche nicht nur lokal in ihrer Stadt, sondern begleiten sie auch in die entlegensten Winkel der Republik, wenn es sein muss.

Zwei Sozialarbeiter und ein Mädchen, das an einer Wand hockt und von Decken umgeben ist, reden miteinander.
Zwei Sozialarbeiter und ein Junge in bemalter Lederjacke und mit Irokesen-Haarschnitt reden miteinander.
Zwei Sozialarbeiter und zwei Mädchen mit bunten Haaren reden miteinander.

Von einem fremden Sofa zum nächsten

Nach Schätzungen der Organisation leben bundesweit etwa 2.500 Kinder und Jugendliche auf der Straße. „Es gibt weitaus höhere Angaben, aber diese Zahlen halten wir für unseriös“, sagt Elberfeld, der seit über einem Jahrzehnt Jugendlichen aus der Obdachlosigkeit in einen geregelten Alltag verhilft. Die statistische Erfassung ist sehr schwierig, denn viele wohnungslose Jugendliche befinden sich in einem Graubereich.

„Wir betreuen etwa sehr viele sogenannte ‚Sofa-Hopper‘. Die schlafen gar nicht auf der Straße, haben aber auch kein sicheres Dach über dem Kopf“, erzählt Elberfeld. Oft erwarten die Gastgeber allerdings eine Gegenleistung: Im besten Fall Mithilfe im Haushalt, im schlechteren Fall Straftaten, Betteln oder gar Prostitution.

Wenn Drogen im Spiel sind, wird es für Elberfeld und seine Kollegen besonders schwer, die Jugendlichen zu erreichen. „Überredungsversuche sind weniger hilfreich“, sagt er. „Eher schon, eine belastbare Vertrauensbasis aufzubauen.“ Für viele Straßenkinder müsse die Situation erst schlimm werden, bevor sie die Freiheiten des selbstständigen Lebens da draußen aufgeben. „Am Anfang ist es ja meist noch lustig, mit Freunden zu trinken, Musik zu hören und sein Ding zu machen“, sagt der Sozialarbeiter. „Oft sind die Betroffenen erst bereit, unsere Hilfe anzunehmen, wenn ein gewisser Leidensdruck besteht.“

Info
  • Seit der Gründung 1993 arbeitet das Streetwork-Netzwerk Off Road Kids mit wohnungslosen Jugendlichen an ihrer Zukunft. Die ausgebildeten Sozialarbeiter vermitteln sie an zuständige Ämter, begleiten sie bei Elterngesprächen oder helfen bei der Jobsuche. Etwa 400 Jugendlichen im Jahr können sie so in einen geregelten Alltag verhelfen.
  • Nicht nur Büros in Dortmund, Köln, Hamburg und Berlin dienen als Anlaufstelle für Straßenkinder. Systemische Familientherapie, eine Eltern-Beratungshotline und ein Jugendheim im Schwarzwald ergänzen das Angebot.
  • Die gemeinnützige Gesellschaft erhält keine staatlichen Mittel und ist auf Spenden angewiesen. Aktuell ist das Projekt für den Town & Country Stiftungspreis 2016 nominiert – Christian Kipper, Geschäftsführer der Deutschen Fernsehlotterie, unterstützt die Nominierung als Botschafter. Wir drücken die Daumen!
  • Sie haben ein ähnliches Projekt ins Leben gerufen und fragen sich, ob es förderfähig ist? In unserer Checkliste finden Sie erste Informationen.
Ein Sozialarbeiter sitzt zwei jungen Männern gegenüber am Schreibtisch und spricht.

Mehr Anträge als Abenteuer

Der Tag eines Streetworkers sei aber lange nicht so aufregend, wie so manche Reality-Doku im Privatfernsehen es vielleicht aussehen lasse. „Wir gehen nicht ständig raus und hängen mit den Jugendlichen auf dem Skateplatz ab“, sagt Elberfeld. Stattdessen bestehe sein Tag vor allem aus Amtsgängen, Formularen, Telefonaten und Organisieren. „Es ist eine ständige Recherche nach der bestmöglichen Perspektive.“ Eine Aufgabe, bei der Elberfeld und seine Mitarbeiter dennoch viel Fingerspitzengefühl beweisen müssen. „Ein Anfängerfehler ist sicher, dass man nicht lange genug an einer stärkenden Beziehung arbeitet, bevor man den Jugendlichen in seiner Lebensführung kritisiert“, sagt er.

Junge Menschen werden ja nicht grundlos obdachlos und jeder bringt einen Rucksack voller Geschichten mit. Die Kinder und jungen Erwachsenen, die Elberfeld bisher betreut hat, hatten verschiedenste Gründe, von zuhause abzuhauen. Oft, aber längst nicht immer, seien häusliche Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung im Elternhaus der Antrieb. „Manchmal geraten Jugendliche aber auch schlichtweg in den falschen Freundeskreis und die Eltern sind verzweifelt“, erzählt der Sozialarbeiter.

In solchen Fällen bleibt manchmal die Chance, das Straßenkind wieder nach Hause zu bringen. Dann reist Elberfeld schon mal mit einem Jugendlichen in dessen Heimat, um beim Gespräch mit den Eltern dabei zu sein. „In den meisten Familien gab es schon so einiges an Pleiten, Pech und Pannen“, sagt er. Gerade bei Kindern, die eine Heimgeschichte haben und bei Pflege- oder Adoptiveltern aufwachsen. „In so einer Situation ist es für Familien wirklich sehr schwierig, dass alles normal läuft.“

Jeden Euro, den man jetzt nicht in die Zukunft eines Jugendlichen investiert, muss die Gesellschaft später dreifach bezahlen.
Jens Elberfeld, Sozialarbeiter bei Off Road Kids

Mutter unbekannt, Vater alkoholkrank

Auch Saskia hatte bereits eine bewegte Geschichte hinter sich, als sie schließlich mit 18 Jahren die Straße dem Leben bei ihrer Mutter vorzog. Aufgewachsen beim leiblichen Vater in Frankfurt, kannte sie ihre Mutter ihre gesamte Kindheit lang gar nicht. „Erst im Heim habe ich die Betreuer darum gebeten, den Kontakt zu ihr herzustellen“, erzählt sie. Dort sei sie gelandet, weil ihr Vater ein Alkoholproblem hatte. Bei der Mutter hielt Saskia es aber auch nicht dauerhaft aus. „Auch, weil ich mit ihrem Lebensgefährten nicht klar gekommen bin.“ Sie zog aus – ohne Schulabschluss, ohne Wohnung und ohne Unterstützung von Verwandten.

Saskia ist eine untypische Jugendliche, denn sie ist sehr selbstständig: Nur wenige Nächte habe sie bisher überhaupt auf der Straße verbracht, erzählt sie. Stattdessen organisierte sie sich Tag für Tag einen Platz in einer der Notschlafstellen oder einem der Frauenschutzräume Dortmunds. Momentan bezieht die junge Wohnungslose Hartz IV, die Anträge füllte sie alle selbst aus und ging allein zum Amt. Dass sie sehr eigenverantwortlich handelt, macht sie stolz. „Es gibt schon Straßenkinder, die wirklich nur eine Scheiße nach der anderen bauen“, sagt Saskia. Sie weiß hingegen schon, welche Ämter für sie wichtig sind, von wem sie Hilfe erwarten kann und von wem nicht.

Zwei Sozialarbeiter stehen mit drei Jugendlichen und ihren Hunden am Bahnhof und unterhalten sich.

Leerlauf bei jungen Erwachsenen

„Gerade Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren rutschen in eine gefährliche Lücke“, sagt Elberfeld. „Die Jugendämter fühlen sich nicht mehr zuständig, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet wären zu helfen. Und viele andere Maßnahmen greifen nur bei Erwachsenen.“ Natürlich sei Geldnot dafür der Grund: „Aber jeden Euro, den man jetzt nicht in die Zukunft eines Jugendlichen investiert, muss die Gesellschaft später dreifach bezahlen.“

Saskia hat trotz dieser problematischen Situation eine Perspektive. Mit Timm Riesel von den Off Road Kids hat sie nun einen Ansprechpartner gefunden, der mit ihr gemeinsam die nächsten Schritte plant. „Er hat immer ein offenes Ohr für mich und ist sehr verständnisvoll“, sagt Saskia. Genau so jemanden hätte sie schon viel früher gebraucht, als ihr Vater trank. Vielleicht wäre dann alles von vornherein anders gelaufen.

Einen Ort für mich haben, an dem ich bleiben kann. Darauf freue ich mich.
Saskia, 21, Straßenkind in Dortmund

Saskia denkt aber lieber positiv, freut sich auf den Herbst. Dann wird sie einen Platz in einem betreuten Wohnheim haben und hoffentlich bald ihre Schulausbildung nachholen. „Arbeiten will ich später entweder im Einzelhandel oder in der Küche.“

Laut Sozialpädagoge Elberfeld teilen sich die Straßenkinder einen bescheidenen Traum: „Alle, ausnahmslos alle sagen, dass sie eine Wohnung und Arbeit wollen.“ Auch Saskia wird das Leben auf der Straße nicht vermissen. „Einen Ort für mich haben, an dem ich bleiben kann. Darauf freue ich mich.“

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Sehr wichtiges Projekt, Danke!

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