Programmieren lernen mit alten Profis

Erfahrung trifft auf Wissensdurst, Können auf Verspieltheit, Alt auf Jung: Die Integrative Montessori Volksschule an der Balanstraße in München wagte mit der Werkstatt der Generationen etwas Neues: Laien lehren ihre Leidenschaft. Das funktioniert – und manchmal fahren sogar Roboter durch die Klassenzimmer.

Der Falke gleitet lautlos durch den Schulflur. Unbeirrt fliegt er über Schulranzen und eine auf dem Boden liegende Winterjacke hinweg, verliert an Höhe und sinkt langsam hinab. Die Möwe hingegen trudelt dreimal im Kreis und stürzt ebenso unelegant wie unsanft zu Boden. „Hier gibt es noch etwas Verbesserungspotenzial“, sagt Helmut Piening, während er den Papierflieger aufhebt und schmunzelnd inspiziert. „Die Tragflächen sollten gerade stehen. Wirf sie dann mal etwas leichter und ein klein wenig nach unten.“

Schüler schießen Papierflieger
Lehrer hilft Schüler beim Papierflieger anpassen

Papierfliegerbauen ist in der Integrativen Montessori Volksschule an der Balanstraße im Münchner Osten nicht verboten. Mehr noch: Es ist eine spielerische Aufgabe in der Werkstatt der Generationen.

Flugstunden im Klassenzimmer

Helmut Piening ist jedoch nicht etwa Lehrer, er ist Rentner. Mit Fliegern kennt er sich aus – nicht nur mit solchen aus Papier, denn der knapp 80 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieur hat in der Luft- und Raumfahrtindustrie gearbeitet.

Nun ist er einer der Ehrenamtlichen in der Werkstatt der Generationen. Sein Physik-Angebot basiert auf dem Konzept „Zauberhafte Physik“ der Ingenieurin Maren Heinzerling und ist eines von mittlerweile 500 Projekten, die seit Gründung der Schule im Jahr 2008 durchgeführt wurden.

Schüler schießen Papierflieger

Die beiden elf Jahre alten Klassenkameraden Elias und Lenni beraten sich, welchen Flieger sie als nächstes bauen. Und überlegen, was ihr bisheriges Lieblings-Physikthema war: „Also die Streichholzkanonen und der selbstgebaute heiße Draht – aber auch die Papierflieger heute. Eigentlich alles“, sagt Elias.

Experimente auf dem Stundenplan

„Etwas wirklich Vergleichbares gibt es in Deutschland nicht“, sagt Anke Könemann. Sie hat die Schule mitgegründet, ist Mitglied der Schulleitung und verantwortlich für die Werkstatt der Generationen, kurz: die WdG. „Die WdG ist keine AG sondern für alle Altersstufen fest im Stundenplan verankert – von der ersten bis zur zehnten Klasse“, sagt Könemann.

Der Inklusionsgedanke wird an dieser Schule eben weiter gefasst und berücksichtigt nicht nur Kinder mit Behinderung, die derzeit knapp zehn Prozent der Schülerschaft ausmachen. Es geht auch um ein Miteinander der Generationen.

Die Leiterin eines Lernprojekts an einer Montessorischule im Porträt
Info
  • Mit der Gründung der Integrativen Montessori Volksschule an der Balanstraße in München entstand 2008 auch die Werkstatt der Generationen. Pro Jahr bieten rund 45 Ehrenamtliche mehr als 70 unterschiedliche Projekte an. Die älteste Teilnehmerin, eine Zeitzeugin, ist 107 Jahre alt.
  • Die Schule nimmt den Austausch mit Älteren ernst: Im Projekt „Jung für Alt“ engagieren sich die Schüler für Menschen in Altenheimen.
  • Für die Werkstatt der Generationen erhielt die Schule unter anderem den Deutschen Engagementpreis 2015 in der Kategorie „Generationen verbinden“. Bürgerschaftliches Engagement, egal ob jung oder alt, liegt der Deutschen Fernsehlotterie sehr am Herzen – sie unterstützt den Deutschen Engagementpreis bereits im zweiten Jahr als Partner.

Das Konzept hinter der Werkstatt der Generationen ist schnell erklärt: Ehrenamtliche ab 55 Jahren – der Durchschnitt liegt derzeit bei etwa 70 Jahren – führen wöchentlich mit den Schülern eigene Projekte zu Themenbereichen durch, die ihnen am Herzen liegen. In den Klassen ist stets ein Pädagoge dabei, die Durchführung wird aber bewusst den Ehrenamtlichen überlassen.

Jeder lehrt sein Fachgebiet

Wie gut diese Wissensvermittlung funktioniert, zeigt auch das Projekt von Klaus Trompka. „Robotik“ ist sein großes Thema und an diesem Tag programmieren die Schüler fahrende Roboter.

Jungs überarbeiten das Programm ihres Roboters
Ein Junge liegt am Boden und betrachtet seinen Roboter

Es geht zu wie im Spielzimmer der Zukunft: Valentina und Anne sitzen in der Mitte des Klassenzimmers auf dem Boden und schauen gespannt ihrem Roboter nach. Haben sie ihn richtig programmiert? Noch einmal muss er rechts abbiegen, „dann soll er stehenbleiben und ,Game Over‘ sagen“, erklärt Valentina. „Game Over“, scheppert es blechern aus dem fast quadratischen Lego-Roboter. Die beiden zehnjährigen Mädchen strahlen.

Ich habe so etwas noch nie gemacht und fand es spannend.
Valentina, zehn Jahre alte Montessori-Schülerin
Mädchen spielen im Klassenraum mit ihrem Roboter.
Kinder überarbeiten gemeinsam mit einem Senioren ihre Programmierung eines Roboters
Ein Mädchen mit seinem selbst programmierten Roboter

Warum sich die beiden für Robotik entschieden haben? „Ich habe so etwas noch nie gemacht und fand es spannend“, sagt Anne. „Aber manchmal ist es ziemlich knifflig.“ Valentina nickt: Wenn etwas nicht funktioniert, müsse man auf dem Laptop ganz genau schauen, wo der Fehler liegt.

Es ist eine Win-Win-Situation. Die Schüler haben Spaß und wir vermitteln genau die Themen, die uns am Herzen liegen.
Klaus Trompka, Freiwilliger in der Werkstatt der Generationen

Trompka kommt dabei natürlich zur Hilfe, zu schnell verrät er den Fehler allerdings nicht. „Darum geht es bei Robotik und Informatik in erster Linie: Das Analysieren und das Finden von Fehlern“, sagt der 62 Jahre alte Projektleiter. Er hat selbst zwei Enkel an der Schule und wurde so auf die Werkstatt der Generationen aufmerksam.

Der Ehrenamtliche eines Montessori-Projekts im Porträt

Vor vier Jahren hat er dann als Ehrenamtlicher mit Bionik-Kursen begonnen. „Es ist eine Win-Win-Situation“, findet er. „Die Schüler haben jede Menge Spaß, profitieren von den Projekten und wir können genau die Themen vermitteln, die uns am Herzen liegen.“

Muttersprachler im freiwilligen Einsatz

Am anderen Ende des Flurs ertönt eine andere Leidenschaft: Spanisch. „¿De qué color es el?“ – „Welche Farbe ist das?“, fragt Gabriele Bartra ihre sechs Schüler und deckt eine Memory-Karte mit einer Kiwi auf. „Marrón y verde“, schallt es im Chor. Braun und Grün.

Eine ältere Frau gibt Kindern Spanischunterricht
Spanischstunde mit bunten Tafeln
Schülerin einer Montessori-Klasse

Geboren ist Bartra in Berlin, aufgewachsen in Argentinien, die letzten 50 Jahre hat sie in Peru gelebt. Als die heute 74 Jahre alte Rückkehrerin wieder nach Deutschland kam, machte sie sich auf die Suche nach einem Projekt wie der Werkstatt der Generationen. Auf der Münchner Freiwilligen Messe wurde die pensionierte Pädagogin fündig.

Unsere Lehrer freuen sich, dass die Freiwilligen Lebenserfahrung und Inhalte einbringen, die sie so nicht vermitteln könnten.
Anke Könemann, Koordinatorin der Werkstatt der Generationen

Menschen wie sie machen die Werkstatt der Generationen zu einem Erfolg. „Es hat sich noch viel positiver entwickelt als wir es erhofft hatten“, sagt Könemann. Doch der Organisationsaufwand bei rund 70 jährlichen Projekten erforderte eine Ganztagsstelle.

Externes Wissen in die Schule holen

Ob die Ehrenamtlichen in Konkurrenz zu den Pädagogen stehen? „Keineswegs“, sagt Könemann. „Im Gegenteil: Unsere Lehrer freuen sich, dass Lebenserfahrung und Inhalte eingebracht werden, die sie so nicht unterrichten könnten.“ Dadurch werde externes Wissen in der Schule nutzbar gemacht. Und das so authentisch wie nur irgendwie möglich: durch Menschen aus der Praxis.

Die freiwilligen Lehrer haben an der Werkstatt der Generationen mindestens ebenso viel Spaß wie die Schüler. Für die freiwillige Spanischlehrerin ist die Frage nach dem Sinn ihres Tuns jedenfalls eindeutig beantwortet:

Ich bin einfach noch nicht alt genug um mich nur hinzusetzen. Da gebe ich lieber mein Wissen an die jungen Menschen weiter.
Gabriele Barta, Rentnerin in der Werkstatt der Generationen
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