Kleine Künstler, große Chancen

Nicht jedes Kind hat die gleichen Voraussetzungen – und die gleichen Zukunftsaussichten. Deshalb setzt sich Lisete Schwarz vom Verein Stern des Südens seit zehn Jahren für sozial benachteiligte Jungen und Mädchen in Flörsheim ein. Unterstützung erhält sie von Helfern aus der Nachbarschaft. Darunter auch Studentin Julia, die heute mit den Kindern etwas Besonderes vor hat...

„Das ist ja die Maus!“, ruft ein junges Mädchen erstaunt, als es den Garten betritt. Aufgeregt zeigt es zur Mauer, die das Grundstück des Vereinshauses von der Hauptstraße trennt. Dort lächelt ihm die Maus aus der ARD-Sendung entgegen – allerdings ganz blass um die Schnauze: Noch ist sie nicht ausgemalt. Das dürfen die Kinder heute machen. Als die Kleine die drei Eimer voller bunter Farben sieht, läuft sie freudig los.

Mädchen steht vor weißer Wand, im Hintergrund sind die Umrisse von der Maus und dem Elefanten aus der ARD-Sendung zu sehen.
Ein Mädchen hält eine grüne Farbflasche in der Hand.
Drei Eimer voller Farbe und Pinsel stehen auf dem Boden.

„Es ist der letzte Tag vor den Ferien“, sagt Julia. Seit zwei Jahren engagiert sich die 20-Jährige ehrenamtlich bei Stern des Südens e.V. „Deshalb gibt es heute keine Hausaufgabenhilfe, sondern wir verschönern gemeinsam die Gartenmauer.“ Dafür haben sich auch Helfer aus der Umgebung angekündigt: Rentnerin und Hobbykünstlerin Eva Caltwell bereitet gerade Pappen vor, auf denen Farben gemischt werden können. Auch von der Lufthansa sind Freiwillige hier. Das nachbarschaftliche Verhältnis zur Airline besteht schon länger. „Letztes Jahr konnten wir dank Unterstützung der Fernsehlotterie dieses Haus der Fraport AG abkaufen“, erzählt Lisete Schwarz, die Gründerin des Vereins. „Eigentlich sollte es abgerissen werden. Wir haben hunderte Stunden geschuftet, um das Grundstück herzurichten.“

Lisete Schwarz, Gründerin des Vereins Stern des Südens e.V.
Julia, Ehrenamtliche bei Stern des Südens e.V.

Alles, was man nun im Haus sieht – Tische, Stühle, Brettspiele – sind Spenden. Auch der Garten ist von Schutt und Unrat befreit, in einer Ecke haben die Kinder mit ihren Betreuern sogar ein Gemüsebeet angelegt. Und heute soll nun endlich die triste Mauer verschönert werden.

Die Kinder lernen mit viel Freude und integrieren sich schnell. Ein Junge hat gerade erst eine Klasse übersprungen und im letzten Jahr hat eines unserer Mädchen das Abitur gemacht.
Julia, Ehrenamtliche bei Stern des Südens e.V.

Nach und nach füllt sich der Garten mit Leben. Die Kinder begrüßen ihre Betreuer – Julia, Dominik, Michael, Lea und Angie – mit innigen Umarmungen. Dann legen sie los: Während die einen Maus und Elefant ausmalen, vergnügen sich andere damit, eine Grünfläche an die Wand zu streichen. Zwei Mädchen bestücken diese mit bunten Blumen. „Da fehlt jetzt aber eine Biene oder so“, sagt eines der Kinder, das sich kurz ein paar Meter zurückgezogen hat, um das Kunstwerk zu betrachten. „Oder“, ruft ein anderes und wedelt dabei mit dem Pinsel. „Wie wäre es mit einem Schmetterling?“ Sie klatschen vergnügt in die Hände und laufen los, um neue Farben für ihr Projekt zu holen.

Mädchen malt mit grüner Farbrolle die Wand an.
Mädchen malt mit Pinsel die Wand grün.
Drei Mädchen malen Blumen an die Wand.
Ein Mädchen mit Farbeimer in der Hand malt an der Wand.
Detailbild mit Hand und Pinsel

Mit Freude am Lernen Zukunftschancen verbessern

Aus einer anderen Ecke im Garten erklingt eine helle Melodie. Es ist das Kinderlied „Alle meine Entchen“, das Himaya und ihre Freundin Maisa am Tisch auf einem Glockenspiel spielen. Nach den Sommerferien sollen die Kinder eine musikalische Früherziehung erhalten, heute möchten die ehrenamtliche Musiklehrerin und Lisete erfahren, für welche Instrumente sie sich interessieren. Als die Lehrerin zwei Flöten hervorholt, wollen die Mädchen auch diese sofort ausprobieren. Sie pusten hinein – und quietschen nach jedem schiefen Ton vergnügt.

Mädchen spielen Flöte.

Lisete schaut dem Treiben im Garten zurfrieden zu. „Ich bin in armen Verhältnissen in Brasilien aufgewachsen“, erzählt sie. „Meine Mutter sagte mir: ‚Kind, es gibt Millionen von Menschen, die noch viel ärmer sind als wir. Denen müssen wir helfen.‘ Das hat mich geprägt. Als meine Mutter starb, war es für mich selbstverständlich ihr gutes Werk fortzuführen.“

Info
  • Der Verein Stern des Südens setzt sich auch in Brasilien, dem Heimatland von Gründerin Lisete Schwarz, für Kinder und Jugendliche ein. Benannt ist er nach dem Sternbild, das in Lateinamerika Hoffnung bedeutet: „Estrela do Sul“.
  • Im neuen Vereinshaus erhalten hilfebedürftige Kinder Hausaufgabenbetreuung und Deutschunterricht. Dank der 63.000 Euro Förderung der Deutschen Fernsehlotterie konnte das Haus gekauft werden.
  • Mit gezielten Aktionen unterstützt der Verein Schulen, Kitas und andere Einrichtungen. So werden z.B. beim Garagenverkauf (jeden 2. Samstag im Monat) Spenden gesammelt, die vollständig in verschiedene Hilfsprojekte fließen.

Also gründete Lisete den Verein Stern des Südens, der sich seit nunmehr zehn Jahren für hilfebedürftige Kinder und Jugendliche in Flörsheim einsetzt. Um ihnen bessere Zukunftschancen zu ermöglichen, erhalten die Jungen und Mädchen im Vereinshaus Schulmaterial, Hilfe bei den Hausaufgaben und sie lernen die wichtigsten Regeln für ein solidarisches Miteinander. Sie können sich zudem spielerisch und kreativ entfalten – beim Fußballspiel auf dem kleinen Platz hinter der Garage, beim Zeichnen oder beim gemeinsamen Brettspiel. Kinder, die aus Flüchtlingsfamilien stammen, lernen hier außerdem Deutsch.

Solange ich lebe, die Kraft und Mitstreiter habe, die mich begleiten und bei meiner Arbeit unterstützen, werde ich nicht aufhören anderen Menschen zu helfen!
Lisete Schwarz, Gründerin und Vorstandsmitglied Stern des Südens e.V.

„Wir betreuen zur Zeit Jungen und Mädchen aus 14 Nationen“, erzählt Julia, die sich kurz zu Lisete gesetzt hat. „Die Kinder lernen mit viel Freude und integrieren sich schnell.“ Einer der Schüler hat gerade eine Klasse übersprungen – und im letzten Jahr hat eines der Mädchen sogar das Abitur gemacht.

„Der Verein ist mein Baby“, sagt Lisete. Fast all ihre Zeit steckt sie hier hinein. Montags und mittwochs findet die Betreuung der Kinder statt. An den anderen Tagen erledigt sie Büroarbeiten, organisiert mit ansässigen Unternehmen, Schulen und Kindergärten (Spenden-)Aktionen – alles ehrenamtlich.

Trotz Ferien: Rund um die Uhr für Kinder im Einsatz

Zur Maus und dem Elefanten hat sich inzwischen ein weiteres Tier gesellt: Ein Flamingo! „Weißt du, warum er pink ist? Weil er rote Krebse frisst. Die färben seine weißen Federn und die werden dann pink – so wie die Farbe hier“, erklärt eine Betreuerin einem Mädchen, während sie Rot und Weiß mit dem Pinsel vermischen. „Wenn ich die Krebse esse“, fragt das Mädchen, „werde ich dann auch pink?“ Die Betreuerin lacht. „Nein, das klappt nur mit Federn. Oder Farbe.“ Mit einem zarten Tupfer setzt sie der Kleinen einen rosa Punkt auf die Nase. Und plötzlich machen alle Kinder mit – bis nicht nur die Wand, sondern auch ihre lachenden Gesichter bunt sind!

Fünf Mädchen stehen vor der angemalten Wand und zeigen ihre Hände.
Lachendes Mädchen mit Farbe im Gesicht.
Mädchen mit grüner Farbe im Gesicht.
Zwei Mädchen schmieren sich Farbe ins Gesicht.

Dann wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Die Kinder waschen sich die Farbe mit dem Gartenschlauch ab und drücken Julia und die anderen zum Abschied. Erst nach den Sommerferien geht es für sie hier weiter. Lisete nimmt sich jedoch keine Pause: Bald steht das große Fest zum Jubiläum an. Und damit die Kinder zum Schulstart wieder mit Material versorgt werden können, organisiert sie eine Spendenaktion mit einem Kaufhaus. Denn eines steht für Lisete fest: „Solange ich lebe, die Kraft und Mitstreiter habe, die mich begleiten und bei meiner Arbeit unterstützen, werde ich nicht aufhören anderen Menschen zu helfen!“

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Eine großartige Initiative. Das braucht Deutschland!

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