Kinder unter Kindern

In Köln Nippes haben Jugendliche sich ihren eigenen Treffpunkt gebaut, damit sie nicht mehr auf der Straße lungern müssen. Jetzt heißen sie auch junge Flüchtlinge willkommen.

In einem nass-kalten Kölner Winter vor knapp zehn Jahren versuchte sich Oktay Tutucu gemeinsam mit 14 anderen Jungs aus der Nachbarschaft einen warmen, trockenen Rückzugsort zu bauen. Erst ein Bretterverschlag auf einem Spielplatz, der nie lange stehen blieb. Dann entdeckten die Jugendlichen ein altes leerstehendes Haus. „Das haben wir uns richtig schön eingerichtet, mit einem Sofa und Teppichen”, erzählt Tutucu. Jede freie Minute verbrachten sie dort, manchmal schliefen sie sogar in den verlassenen Räumen. Doch dann kam das Ordnungsamt und sie mussten das Haus räumen. Nicht nur weil sie Hausfriedensbruch begangen hatten, auch weil das alte, marode Gebäude einsturzgefährdet war.

Oktay Tutucu half als Jugendlicher Toledo beim Aufbau des Jugendzentrums.
Tutucu und Toledo im Gespräch mit unserer Autorin.
Tutucu und Toledo im Gespräch mit unserer Autorin.

„Wir waren dann echt immer nur auf der Straße“, erinnert sich Oktay Tutucu, der damals 14 war. Als sie wieder einmal auf einem Platz in Köln rumlungerten, trafen sie Erich Boye Toledo. Er war Streetworker, machte sogenannte aufsuchende Arbeit. „Ich stand da und hab Jugendliche auf der Straße angesprochen und gefragt: Habt ihr Lust uns zu helfen, hier in Weidenpesch Jugendarbeit voranzubringen – egal wie erstmal?” Die meisten hatten keine Lust, bis Toledo auf Tutucu und seine Truppe stieß. „Damit hat alles begonnen.”

Ein Zufluchtsort zum Erwachsenwerden

Seit zehn Jahren leitet Toledo nun für den Verein Zurück in die Zukunft das Jugendzentrum im Kölner Stadtteil Weidenpesch. Gemeinsam mit den Jugendlichen hatte er Räumlichkeiten gesucht und gefunden, renoviert und gestaltet. Mittlerweile sind die Jungs Anfang 20. Doch viele kommen wie Tutucu nach wie vor gern an diesen Zufluchtsort zurück, den sie mit geschaffen haben und an dem sie ein Stück weit erwachsen geworden sind.

Es gibt Momente, die sind ganz klein, aber einfach ein Traum.
Erich Boye Toledo, Leiter des Vereins Zurück in die Zukunft e.V.

Vor einem Jahr ging Erich Boye Toledo ins benachbarte Flüchtlingswohnheim, um den Kindern dort von dem Jugendzentrum zu erzählen. Mittlerweile kommen viele von ihnen regelmäßig. Aber das Aufeinandertreffen der Kinder aus dem Flüchtlingswohnheim mit jenen, die bereits seit Längerem regelmäßig ins Jugendzentrum kommen, verlief nicht völlig reibungslos. „Vom Gefühl war das für die Kinder hier ein bisschen, wie wenn einer Geburtstag feiert, seine besten Freunde einlädt und dann stehen auf einmal noch 25 andere, fremde Kinder vor der Tür.“ Doch mittlerweile sind viele Freundschaften entstanden, sagt Toledo.

Info
  • Der Verein „Zurück in die Zukunft“ ist seit 1991 als freier Träger der Jugendhilfe in Köln Nippes tätig. Sein Ziel ist die individuelle Förderung von sozial benachteiligten Kindern, Jugendlichen und deren Familien in alltäglichen Fragen sowie die Förderung des interkulturellen Dialogs.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützt den Verein mit knapp     98.000 Euro beim Ausbau der Arbeit mit Flüchtlingsfamilien.
  • Auch Sie interessieren sich für eine Förderung durch die Deutsche Fernsehlotterie? Die wichtigsten Infos hierzu finden Sie in unserer Checkliste.

Das ist dem 41-jährigen gebürtigen Chilenen besonders wichtig. Neulich hatten die Jugendlichen Musik dabei, einer fing spontan an zu klatschen, der nächste trommelte auf einem Tisch. Dann haben sie die Möbel zur Seite gerückt und getanzt – und es kamen immer mehr Kinder. „Es gibt Momente, die sind ganz klein, aber einfach ein Traum.“

Während ein Sozialarbeiter Gitarre spielt, singt ein Jugendlicher dazu.
Ein Junge trommelt auf einem Holzkasten.
Das Mikrophon macht die Runde: Jeder darf mal singen.
Ein paar Jungs trommeln gemeinsam mit einem Sozialarbeiter auf speziellen Holzkisten.

Die gleichen Bedürfnisse, damals wie heute

In solchen Augenblicken spielt es keine Rolle mehr, wer ein Flüchtlingskind ist und wer nicht. Flüchtlinge werden viel zu oft nach ihrer Flucht gefragt, findet Toledo. Hier sollen sie einfach Kinder unter Kindern sein dürfen. Manche erzählen den anderen irgendwann die Geschichte ihrer Flucht, manche nicht. Toledo versucht alle Kinder so zu nehmen, wie sie sind, und ihnen das zu bieten, wonach das Bedürfnis bei allen, die herkommen, seiner Meinung nach am größten ist: „Einen Schutzraum, wo man zusammen sein kann, wo man es warm hat, wo man seine Freizeit verbringen kann und wo man einen Ansprechpartner hat für alle Fälle, für egal was.“

Für die Kinder, die heute zu Toledo ins Jugendzentrum kommen, ist es genauso elementar wichtig, einen Ort zum Treffen zu haben, wie damals für Oktay Tutucu.

Ich finde es super, dass die sich hier alle treffen, um miteinander zu spielen und auch um gemeinsam Sachen auf die Beine zu stellen.
Erich Boye Toledo, Leiter des Vereins Zurück in die Zukunft
Ein paar Jugendliche sitzen um einen Tisch herum und hören einem Sozialarbeiter zu, der gerade etwas erklärt.
Zwei Sozialarbeiter im Gespräch. Beide lachen.
Ein Sozialarbeiter sitzt auf dem Sofa und stimmt seine Gitarre.
Ein paar Jungs sitzen um einen Laptop und schreiben am Text für ein Hip-Hop Lied.
Ein kleines Mädchen mit langem Pferdeschwanz steht mit ihrem Tischtennisschläger an der Tischtennisplatte.
Wir schauen zwei Jugendlichen über die Schulter, die gerade einen Text in einen Laptop tippen.
Ein Junge singt ins Mikrofon, während mehrere andere Jungs zum Gitarrenspiel des Sozialarbeiters trommeln.

Einige schreiben im Hip-Hop-Kurs gemeinsam an Rap-Texten. Manche spielen einfach Tischtennis, Kicker oder Playstation. Andere studieren zusammen Tänze und Lieder ein, die sie Ende November auf der Bühne eines Kulturcafés im Bezirk präsentieren werden.

Während all dem Treiben lässt Toledo zufrieden den Blick schweifen und resümiert: „Es sind Jungs dabei, die ich mit 14 kennengelernt habe, die sind jetzt 24 und haben heute ganz andere Dinge im Kopf als damals, als ich sie kennengelernt habe.“ Einige von ihnen studieren, andere machen eine Ausbildung, manche sind auch weggezogen.

Für Toledo die schönste Bestätigung dafür, dass er seinen Job gut macht: „Ein Dankeschön bekomme ich nicht oft zu hören – das brauche ich auch gar nicht – aber zu sehen, dass man Leuten geholfen hat, das motiviert.“

1
Kommentar
Wie können wir Jugendliche dazu ermutigen ihre Stadt mitzugestalten?

Sie können noch 500 Zeichen eingeben.

Ich würde wirklich gerne mithelfen, die Stadt zu gestalten, wenn ich einfach wüsste, dass es solche Projekte gibt. Ich finde, die Jugendlichen sollen darauk aufmerksam gemacht werden, dass es so etwas überhaupt gibt, indem man vielleicht bisschen mehr Werbung macht.

antworten

Das könnte Sie auch interessieren

Projekte

Ein Dorfcoach gegen die Ödnis

In Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern kämpft jetzt ein Dorfcoach gegen die Vereinsamung der Senioren auf dem Land.
Mehr erfahren
Projekte

Auspowern statt Ausrasten

Täglich Streit oder Prügeleien – Alltag für viele Schüler. In Hamburg zeigt der Verein „Zweikampfverhalten“, dass es auch gewaltfrei geht.
Mehr erfahren
Du bist gefragt
Zurück nach oben