Generalprobe fürs Leben

Eine Bühne für den beruflichen Erfolg: Früher wurden in der Alten Seilerei in Bamberg Stricke hergestellt, jetzt kümmert sich dort der Verein Chapeau Claque um die Zukunft von Jugendlichen – mit der Magie des Theaters.

Toaster, James Bond und kotzende Kängurus: Manchmal ist die Theaterwelt skurril. Doch die Aufwärmübungen mit den seltsamen Namen erfüllen ihren Zweck, im Handumdrehen herrscht gute Laune in der Gruppe. Wie soll man auch ernst bleiben, wenn man ein Beuteltier mit Brechreiz imitiert?

Eine Junge Frau lacht, als sie bei einer Theaterprobe eine Mimik-Übung macht. Ihr Betreuer sieht zu
Theaterprobe: Zu sehen sind eine junge Frau (links), die eine auffordernde Handbewegung macht. Ein junger Mann steht im Zentrum und schmunzelt.
Stefanie Buld, Projektleiterin, bei einer Theaterübung

„Solche Übungen lockern die Stimmung und schulen zugleich Mimik, Gestik und Reaktion“, sagt Daniel Reichelt und schaut in die Runde. Auf der Bühne der „Alten Seilerei“ in Bamberg proben an diesem Nachmittag die 20 Jahre alte Vanessa, der 19 Jahre alte Denis und die 24 Jahre alte Mutter Janine, die später noch ihr Kind aus dem Kindergarten abholen wird. Sie alle sind Teilnehmer des Projekts „Jump to Job“ und arbeiten mit dem Diplom-Pädagogen nicht nur an ihrem künstlerischen Ausdruck sondern auch an ihrer beruflichen Zukunft.

Erst hatte ich nicht so viel Lust, hierher zu kommen. Aber es macht wirklich Spaß und mittlerweile bringe ich sogar Freunde mit.
Denis, 19 Jahre alt, Teilnehmer von Jump to Job

Noch sind die Ränge, vor denen sie spielen, leer. Doch Reichelt hat große Pläne: Er will mit den Jugendlichen Theaterstücke entwickeln, die von der Handlung bis zu den Figuren ihrer Fantasie entspringen. Für den 33 Jahre alten Theaterveteranen ist die Arbeit mit jungen Leuten ein Prozess. Es sei spannend zu sehen, wie die Zeit auf der Bühne sie verändere. „Wie sie Aufgaben und Verantwortung übernehmen, in ihre Rolle wachsen, die coole Schutzhülle fallen lassen und Vertrauen aufbauen.“ Das ist nicht von Tag eins an so: „Erst hatte ich nicht so viel Lust, hierher zu kommen“, gibt Denis zu. „Aber es macht wirklich Spaß und mittlerweile bringe ich sogar manchmal Freunde mit.“

Eine junge Frau (links) und ein Mann stehen auf einer Bühne mit Tisch und Stuhl und lachen herzlich.
Diplom-Pädagoge Daniel Reichelt beobachtet Vanessa bei einer der Lockerungsübungen auf der Theaterbühne
Im Theater lernen die Jugendlichen spielerisch, mit Druck und Erwartungen umzugehen.
Daniel Reichelt, Diplom-Pädagoge bei Chapeau Claque

Mit etwas Glück und viel Fleiß entsteht bei der gemeinsamen Tüftelei mit den Theaterprofis von „Chapeau Claque“ etwas Großartiges: 2014 zum Beispiel gewann das von Jugendlichen unter der Regie von Cornelia Morgenroth gestaltete Stück „Whatever happens“ den Jugendpreis der Stadt Bamberg. Erfolge wie diese bestätigen die Wirkung des Projekts Jump to Job, das Berufsbildung mit kreativen Mitteln bestreitet und Jugendliche über sich hinauswachsen lässt.

Info
  • Der theaterpädagogische Verein „Chapeau Claque“ hat mit Unterstützung der Deutschen Fernsehlotterie in Bamberg eine besondere Initiative gegründet: „Jump to Job“ hilft jungen Menschen, passende Lehrstellen oder Praktika zu finden, Bewerbungen zu schreiben oder Schulabschlüsse nachzumachen. Den Mut und die Disziplin dazu holen sich die Teilnehmer des Projekts auf der Bühne – wo sie vom theaterbegeisterten Diplom-Pädagogen Daniel Reichelt begleitet werden.
  • Seit wenigen Monaten hat der Verein für Proben und Aufführungen ein neues Zuhause: Die Alte Seilerei in Bamberg ist als ehemaliges Industriegelände ein toller Ort, um jungen Kulturschaffenden Platz zu machen. Die Deutsche Fernsehlotterie steuerte 71.563 Euro bei, damit die Halle von „Jump to Job“ als Theatersaal genutzt werden konnte. Zusätzlich wurde eine Personalstelle in der offenen Jugendhilfe finanziert.
  • Wenn auch Sie einen Antrag zur Förderung Ihres Projekts stellen möchten, sehen Sie sich unsere Kriterien in der Checkliste an.

Eine neue Sicht auf das Leben

Die Projektleiterin Stefanie Buld dachte bei der Gründung der Initiative an junge Menschen, die das Jobcenter zur Berufsvorbereitung schickt und die teils schwierige Hintergründe haben: fehlende Abschlüsse, verpatzte Chancen, schlechte Noten, problematische Familien, Null-Bock-Attitüde. Auf der Bühne werden sie Stück für Stück zu anderen Menschen.

Für Ältere – wie Vanessa, Denis und Janine – ist es ein Weg zu mehr Reife: „Im Theater lernen die Jugendlichen spielerisch, mit Druck und Erwartungen umzugehen“, sagt der Pädagoge Daniel Reichelt. Er half schon länger im Verein mit und ist nun seit Kurzem für die „Jumpler“ zuständig, wie er die Projektteilnehmer nennt. Daniel ist überzeugt, dass Chapeau Claque ihnen helfen kann, ihren Weg zu finden. „Theater kann alles“, sagt er. „Es erweitert den Horizont, vermittelt Selbstvertrauen, Teamgeist und Erfolgserlebnisse.“

Denis kommt in der Alten Seilerei an und zieht seine Jacke aus. Der junge Mann mit den dunkelblonden Haaren ist ein Teilnehmer des Programms "Jump to Job".
"Bitte nicht stören! Wir denken" steht auf einem selbst kopierten Zettel am Eingang zum Vereinsbüro. Hier arbeiten die Jugendlichen an ihren Bewerbungen.
Denis arbeitet am Laptop an seiner Bewerbung zum Fachlageristen. Daniel Reichelt schaut ihm dabei über die Schulter.

Morgens Bewerbungen, mittags Bühnenluft

Genau diesen Effekt soll das zweigliedrige Jump-to-Job-Modell haben, das auch intensive Berufsvorbereitung beinhaltet: Vormittags arbeiten Daniel Reichelt und Stefanie Buld mit den bis zu zehn Jugendlichen an ihrer Zukunft. Gemeinsam suchen sie nach Ausbildungsplätzen und Praktika, feilen an Bewerbungsschreiben und Lebensläufen.

Vanessa zum Beispiel will Verkäuferin werden. „Daniel hat mir geholfen, mein Anschreiben individueller zu gestalten und Rechtschreibfehler auszumerzen“, sagt die 20-Jährige. Auch die junge Mutter Janine ist dankbar für Unterstützung: Sie will eine Ausbildung in Teilzeit machen, um nebenher zwei Schulabschlüsse nachzuholen. „Später will ich gerne etwas Soziales studieren“, sagt sie. Und Denis? „Ich bastle gerade an meiner Bewerbung zum Fachlageristen“, sagt er. „Es ist wirklich hilfreich, das nicht alleine machen zu müssen.“

Auch für andere Dinge ist am Morgen Zeit: Jemand braucht Hilfe mit Formularen oder Begleitung für einen Behördengang? Hat persönliche Probleme oder braucht jemanden zum Reden? Daniel und Stefanie sind da – ohne Wenn und Aber.

Daniel Reichelt und seine Schützlinge auf dem Gelände der Alten Seilerei. Sie sind auf dem Weg zu den Proben.
Hohe Decken, unverputzte Backsteinmauern mit Spuren der Zeit und freiliegende Rohre: So sieht die Alte Seilerei trotz Renovierung noch aus, um den alten Industriecharme nicht zu zerstören.
Vanessa, Daniel Reichelt und Denis stehen auf der Bühne vor leeren Rängen in der Alten Seilerei in Bamberg.

Platz für Kreativität und Kultur

Nachmittags wird es dann kreativ: Von den Büroräumen zieht die kleine Gruppe in die Alte Seilerei um, wo Chapeau Claque seit ein paar Monaten ein neues Zuhause gefunden hat. In dem denkmalgeschützten Industriebau wurden acht Jahrzehnte lang Seile und Taue geknüpft, jetzt aber dreht sich hier alles um das feine Band zwischen jungen Menschen und Kultur.

Bei Café und Kuchen besprechen die Teilnehmer des Berufsbildungsprogramms "Jump to Job" die heutigen Proben.
Tafel über dem Barbereich mit der handgeschriebenen Aufschrift "Willkommen in der alten Seilerei".
Mit viel Liebe zum Detail und Vintage-Möbeln wurden die alten Fabrikhallen zum charmanten Café umgestaltet. Theaterbilder an den Wänden zeigen, was sich hier abspielt.

Die Hauptschauplätze sind bereits fertig renoviert: Eine großzügige Theaterbühne mit 150 Sitzplätzen für Zuschauer, eine lichtdurchflutete Werkstatt für Requisiten und Bühnenbild und ein charmantes kleines Vintage-Café im Foyer. „Willkommen in der Alten Seilerei“ steht auf einer großen Tafel über der Kaffeemaschine, und die Theater-Fotos an den Wänden geben jedem Besucher sofort eine Idee von dem, was hier passiert.

Projektleiterin Stefanie Buld im Café der Alten Seilerei
„Niemand muss auf der Bühne stehen. Theater ist Teamarbeit: Es gibt für jeden eine passende Aufgabe.“
Stefanie Buld, Gründerin und Projektleiterin von „Jump to Job"

„Wir wollten Raum für Kultur schaffen“, sagt Daniel. Deshalb steht die Alte Seilerei nicht nur dem Kinder- und Jugendtheater, sondern allen kulturellen Projekten offen: Tanz, Musik, Film und Poetry Slams sollen zwischen den offenen Backsteinwänden und den massiven Stahlträgern genauso stattfinden dürfen.

Vanessa arbeitet in der Werkstatt mit einem Bühnenbildner an einem Holzgerüst.

Ganz nebenbei entstehen so viele Möglichkeiten für die Jugendlichen, sich zu beteiligen – auch hinter den Kulissen oder im Café. „Niemand muss auf der Bühne stehen“, sagt die Sozialpädagogin Stefanie Buld. „Theater ist Teamarbeit: Wir brauchen auch Helfer bei Technik, Maske, Bühnenbild und Service. Es gibt für jeden eine passende Aufgabe.“

Werkstatttisch: Darüber hängen zwei Schilder. "Kinder haften für Ihre Eltern" und "Betreten der Baustelle erbeten". Auf dem Tisch befinden sich Sortierkästen für Schrauben etc.
Eine Uhr zeigt zehn nach zwei am Nachmittag an. Darunter befinden sich vor einer unverputzten Backsteinmauer in der Werkstatt allerhand Schraubendreher, etwas chaotisch aufgehängt.
Denis benutzt unter Anleitung eines Bühnenbildners die Kreissäge.

Ein verpatzter Einsatz ist kein Problem

Nicht alle können ihre Rolle immer hundertprozentig gut erfüllen. „Theater funktioniert nur im Team. Aber man kann auch niemanden zwingen“, sagt Daniel. Er weiß um die teils schwierigen Biografien seiner Schützlinge und nimmt es nicht persönlich, wenn mal etwas nicht klappt. „Natürlich ist das unbefriedigend, aber die guten Momente überwiegen so sehr, dass ich meine Motivation nicht verliere.“

Daniel Reichelt zwinket und bläst die Backen auf
Daniel Reichelt mimt ein wütendes Gesicht.
Daniel Reichelt zeigt ein entspanntes, fröhliches Gesicht.
Theater kann alles. Es erweitert den Horizont, vermittelt Selbstvertrauen, Teamgeist und Erfolgserlebnisse.
Daniel Reichelt, Diplom-Pädagoge bei Chapeau Claque

Der frischgebackene Vater konzentriert sich auf das Morgen. Künftig will er gerne mehr Rollenspiele und Improvisationstheater mit den „Jumplern“ machen, um sie auf Vorstellungsgespräche vorzubereiten und ihnen die Angst vor schwierigen Situationen zu nehmen. Ein bisschen hält er es da wie Shakespeare: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ Wenn man es so sieht, ist eine kleine Theaterbühne die perfekte Generalprobe – nicht nur für das Arbeitsleben.

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Kommentare
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Ich fange jetzt mit meinen 60Jahren erst an das Leben zu verstehen und mich darinnen zu behaupten .

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Mit meinen 40 Jahren bin ich irgendwie noch zu Jung fürs normale Leben

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