Ein Nachbar hilft dem anderen

Der Verein „MARTINIerLEBEN“ aus Hamburg bringt Nachbarn über Generationengrenzen hinweg miteinander in Kontakt. Beim „Repair-Café“ bringen vor allem ältere Helfer die defekten Geräte von Jung und Alt wieder zum Laufen.

Der Problemfall liegt vor Sebastian Schuppa auf dem Tisch. Der 38-Jährige mit den blonden Locken beugt sich tief darüber, sagt dann etwas ratlos: „Ich habe so etwas schon hundert Mal repariert, aber noch nie bedient.“ Also steht er auf und geht herüber zu seiner Repair-Collegin Ute Plätzer die eine Nähmaschine schon hundert Mal bedient, aber noch nie repariert hat.

Ein Helfer des Repair-Cafés und eine Kollegin begutachten eine defekte Nähmaschine.

Schuppa schaut sich an, wie eine heile Nähmaschine arbeitet und versucht zu begreifen, warum die Maschine auf seinem Tisch einfach den Unterfaden nicht spannt und transportiert.

Doch Schuppa arbeitet nicht in einer Nähmaschinen-Werkstatt. Der Luftfahrtingenieur verbringt seinen Samstagnachmittag damit, anderen mit seinem technischen Verständnis zu helfen.

Im Laden wäre die Reparatur so teuer, dass ich mir von dem Geld eine neue Nähmaschine kaufen könnte.
Marlene Beazly, Besucherin des Repair-Cafés

Der Hamburger legt bereits zum zehnten Mal beim Repair-Café im Kulturhaus Eppendorf Hand an. Hier können Leute ihre kaputten Elektrogeräte genauso reparieren lassen wie ihre Fahrräder, Möbel oder Kleidung. Initiiert wurde das Repair-Café vom Verein „MARTINIerLEBEN – Generationen gemeinsam in Eppendorf“.

Ein Verein für Jung und Alt

Es ist nicht das einzige Projekt der umtriebigen Nachbarschaftsinitiative aus der Martinistraße in Hamburg-Eppendorf. Jeden Mittwoch trifft sich eine Gruppe, um gemeinsam Karten oder Brettspiele zu spielen. Im Sommer treffen sich Nachbarn für Boule im nahe gelegenen Park. Zweimal im Monat proben „Die Donna Claras – ein Chor mit Humor“. Monatlich gibt es „Singen für jung und alt“: Bei dem generationenübergreifenden Projekt machen Vorschulkinder und Senioren gemeinsam Musik. Das Angebot wird durch Handarbeitsabende und Vorträge zu wechselnden Themen abgerundet.

Ein Helfer des Repair-Cafés untersucht ein kleines, elektronsches Ersatzteil.
An langen Tischen sitzen ältere und jüngere Leute. Die Helfer sitzen ihnen gegenüber und arbeiten an den defekten Geräten, die die Besucher mitgebracht haben.
Drei ältere Damen stehen an einem Tresen, eine von ihnen hält einen Kuchen auf einem Teller. Sie lächeln.

Besondere Erfolge feiert die „Arbeitsgruppe Barrierefrei“ des Vereins. In Eppendorf liegen nicht nur das Hamburger Universitätsklinikum, sondern auch Altenheime und viele Wohnstifte mit 630 Wohnungen für Senioren. Dass Menschen mit Gehhilfe oder im Rollstuhl sich gut durch den Stadtteil bewegen können, ist hier also noch wichtiger als anderswo. An einer Ampel an einer Hauptstraße ist die Grünphase für Fußgänger dank der AG nun länger. So schaffen es auch langsamere Fußgänger gut über die breite Straße.

Wir leben im schönsten Land und ich in der schönsten Stadt. Darauf kann man sich ausruhen oder es noch verbessern.
Sebastian Schuppa, engagierter Helfer im Repair-Café

„Außerdem haben wir erreicht, dass Briefkästen nun niedriger hängen, damit auch Rollstuhlfahrer Briefe einwerfen können“, sagt Elisabeth Kammer, die Koordinatorin von MARTINIerLEBEN. „An allen Gebäudeeinfahrten im Quartier liegt auch kein Kopfsteinpflaster mehr. Das nützt nicht nur Fußgängern mit Rollator, sondern auch Frauen mit Stöckelschuhen.“

Repair-Café als wichtige Stütze des Vereins

Kammer und ihre Kollegin haben Minijobs bei „MARTINIerLEBEN“. Mit jeweils zehn Wochenstunden sind all die Projekte des Vereins kaum zu stemmen. Allein das alle drei Monate stattfindende Repair-Café verschlingt mit Besprechungen, Auf- und Abbau Stunden Arbeit – und das an einem Samstag.

Info
  • 60 Mitglieder engagieren sich im Verein „MARTINIerLEBEN“ für das Viertel Hamburg Eppendorf.
  • Das Repair-Café im Kulturhaus Eppendorf findet seit August 2014 alle drei Monate statt. Darüber hinaus treffen sich die Nachbarn zum Spielen, Singen und Lernen. Eine eigene Arbeitsgruppe setzt sich für eine barrierefreie Umgebung ein.
  • Das Projekt war für den Deutschen Engagementpreis 2016 nominiert.
  • Solidarisches Miteinander in der Nachbarschaft liegt der Deutschen Fernsehlotterie sehr am Herzen. So flossen allein 2016 rund sechs Millionen Euro unserer Fördergelder in 53 Projekte, die lebenswerte Sozialräume schaffen.

Die Reparaturen sorgen nicht nur dafür, dass die Nachbarn weniger wegwerfen. „MARTINIerLEBEN“ braucht auch die Spenden, die das Repair-Café einbringt. „Wir bekommen keine ständige Förderung sondern nur ab und zu Projektgelder“ sagt Kammer. Doch der Verein stößt auch an bürokratische Grenzen: „Das Finanzamt hat uns schon zweimal die Gemeinnützigkeit verweigert, weil unsere Projekte zu vielfältig sind.“

Um so wichtiger ist die Unterstützung von Helfern wie Schuppa. „Wir leben im schönsten Land und ich in der schönsten Stadt“, sagt er. „Darauf kann man sich ausruhen oder es noch verbessern.“ Schuppa hat sich für Letzteres entschieden, denn er will der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und so sitzt an diesem Samstag im November Marlene Beazly an seinem Tisch und hofft, dass er ihre Nähmaschine wieder zum Laufen bekommt. „Im Laden wäre die Reparatur so teuer, dass ich mir von dem Geld eine neue Maschine kaufen könnte“, sagt die 64-Jährige. Hier wird sie nicht kräftig zur Kasse, sondern nur um eine freiwillige Spende gebeten – die wiederum dem Viertel zugute kommt.

Eine Besucherin des Repair-Cafés sitzt erwartungsvoll am Tisch vor ihrer Nähmaschine: Kann das defekte Gerät wieder repariert werden?
In einer Holzbox liegt Nähmaschinengarn in verschiedenen Farben.
Eine Helferin des Repair-Cafés sitzt vor ihrer Nähmaschine.

An drei weiteren Tischen werden Kaffeemaschinen oder CD-Spieler repariert, gegenüber sitzen zwei Repair-Frauen und flicken Kleidung. Bis auf zwei gehören alle Helfer zur Generation 60+. „Viele 40 bis 50-Jährigen sind mit Arbeit und Familienleben so eingespannt, dass sie nur wenig Zeit finden, sich ehrenamtlich zu engagieren“, sagt Kammer.

Austausch der Generationen

Dafür sitzen auf den Stühlen vor der kleinen Bühne im Saal auch junge Erwachsene und warten darauf, dass ihre Kaffeekapsel-Maschinen oder Mini-Stereoanlagen wieder zum Laufen gebracht werden. Die Älteren freuen sich, wenn sie Wissen weitergeben können. Insofern funktioniert der generationenübergreifende Ansatz des Vereins manchmal anders, als erwartet. Aber er funktioniert.

Zwei Helfer untersuchen ein defektes Elektro-Gerät.
Tatkräftig krempelt ein Helfer die Ärmel hoch. Ein älteres Paar hat ihm ein defektes Elektro-Gerät mitgebracht, das nun vor ihm auf dem Tisch steht.
Eine Helferin des Repair-Cafés sitzt vor ihrer Nähmaschine, mit der sie Kleidung flickt. Sie sieht lächelnd zu ihrer Kollegin.

Was beharrlich nicht funktioniert, ist die Nähmaschine, die Schuppa wieder in Gang setzen will. Der Saal leert sich schon, als Schuppa aufgibt. Er kann der Maschine den Weg zum Recyclinghof nicht ersparen. „Das ist schon frustrierend“, sagt er. Drei bis fünf Nähmaschinen landen bei jedem Repair-Café auf seinem Tisch, und größtenteils gelingt die Reparatur. In drei Monaten wird Schuppa sich wieder über so einen Problemfall beugen – und ihn dann hoffentlich lösen.

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