Ein Fest für alle Helfer

Cosima und Claudia – so heißen die Boten der Veränderung in Mildstedt und Lauenburg. Die zwei zuversichtlichen Frauen krempeln das Zusammenleben in ihrem jeweiligen Quartier völlig um. Hilfe bekommen sie von ihren vielen, ehrenamtlichen Mitstreitern. Beim großen Dankesessen haben wir uns umgehört, was den Bürgern gelebte Nachbarschaft bedeutet.

„Wenn einer weint, dann helfe ich“, sagt Peter Kähler aus Lauenburg in Schleswig-Holstein. „Meine Frau muss mich da manchmal schon bremsen, wenn es genug ist.“ Der 78 Jahre alte Rentner ist einer von einem Dutzend ehrenamtlicher Helfer, die heute an einer langen gedeckten Tafel Platz nehmen.

Audio

Peter Kähler

Während er normalerweise eine wöchentliche Kartenspielrunde organisiert oder beim Bürgerfest in der Küche hilft, darf Kähler sich heute einfach mal zurücklehnen und genießen. Zum gemeinsamen Dankesessen hat ihn Claudia Löding eingeladen, die Managerin des Quartiersprojektes Lauenburg.

Ein Quartier geht neue Wege

Seit Oktober 2015 baut Löding mit dem Quartiersprojekt ein Zentrum für Senioren und hochalte Menschen auf, in dem Zusammenkunft, Beratung und Information möglich sind. „Letztendlich bin ich aber für alle Bürger da“ sagt sie und ergänzt: „Für jung und alt!“

Claudia Löding erzählt vom Quartiersprojekt in Lauenburg

Nachbarn sollen enger zusammenzurücken, gerade Senioren sollen wieder sinnvoll und schön in das soziale Gefüge integriert werden. „Wir müssen aufeinander wieder viel mehr Acht geben“, sagt sie. Vor allem soll ein Umdenken stattfinden: Hilfe könne man nicht nur anbieten, sondern man dürfe auch Schwächen zugeben und nach Unterstützung fragen.

Löding will, dass ältere Menschen ihren Sinn und ihren Wert in der Lauenburger Gesellschaft nicht verlieren – und mit Freude am alltäglichen Leben teilhaben. Dafür spricht die Quartiersmanagerin Schlüsselpersonen auf politischer sowie sozialer Ebene an und fädelt Kooperationen ein, um die Kräfte für das Quartier zu bündeln. „Diese Strukturen auf- und auszubauen, dafür bin ich da.“

Audio

Karin Ristow

Dank der zupackenden Quartiersmanagerin sind viele Kooperationen entstanden: mit der Alzheimer Gesellschaft, dem Deutschen Roten Kreuz, mit Pflegediensten und -wohnheimen, mit Kindergärten, Sportvereinen oder auch der Kirche. Weil der Weg zum Gottesdienst für viele Menschen durch die oft steilen Wege mit Kopfsteinpflaster nicht mehr zu bewältigen ist, kommt der Pastor zum Beispiel regelmäßig selbst ins Quartier.

Die Menschen machen es möglich

Jede Stadtgemeinschaft ist von der Mitgestaltung ihrer Bewohner abhängig. Einen Löwenanteil am Erfolg in Lauenburg haben die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer. Wir haben uns umgehört, was sie zu ihrem freiwilligen Einsatz bewegt hat. Zum Beispiel den ehemaligen Kunstlehrer Peter Paulsen, der an der Grundschule Plattdeutsch-Unterricht gibt und für Senioren auf der Gitarre spielt. Er fragte sich, was er Sinnvolles tun könnte und beschloss, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Audio

Peter Paulsen

Dank ihrer Hilfe konnte Claudia Löding innerhalb nur eines Jahres ein beachtliches Programm aufstellen. Wie zum Beweis hängt im Eingangsbereich der Lauenburger Begegnungsstätte ein großer bunter Wochenplan. Jeden Tag gibt es etwas gemeinsam zu erleben.

Drei Frauen am Buffet

Besonders beliebt ist das Mittagessen in Geselligkeit. „Hier kommen Gerichte auf den Tisch, die man eben nicht so einfach zuhause und vor allem nicht für sich alleine kocht“, erklärt die Quartiersmanagerin. Das neue monatliche Trauercafé wird ebenfalls gern angenommen.

Junge lernen von den Alten – und umgekehrt

Sehr gut kommt auch die wöchentliche Zusammenarbeit mit der Albinus-Gemeinschaftsschule an – und zwar nicht nur bei den Senioren. Eine Schülerin hat den Austausch mit ihrem älteren Redepartner in den Ferien so sehr vermisst, dass sie am liebsten auch außerhalb des Projektes vorbeikommen möchte.

Ich bin für alle da – für jung und alt!
Claudia Löding, Quartiersmanagerin von Lauenburg Mitte

Das generationsübergreifende Miteinander hat viele Vorteile. So bringen Jugendliche den älteren Menschen in kleinen Gruppen den Umgang mit Handy, Tablet und Internet bei. Umgekehrt profitieren sie von der Lebenserfahrung der Senioren. Bei wichtigen Entscheidungen oder Problemen mit der Familie haben die Jugendlichen einen zusätzlichen Berater und Vertrauten. Eine soziale Win-Win-Situation, findet Löding. Die Senioren würden spüren: „Obwohl wir das Berufsleben hinter uns haben, sind wir immer noch wertvoll für die Gesellschaft.“

Audio

Sybil Scholl

Die freiwillige Vorleserin Sybil Scholl ist immer wieder erstaunt, wie viel Energie in den Senioren noch steckt. „Drum biete ich demnächst auch Yoga an“, erzählt sie. Dass die Alten auch Lust auf Neues haben, zeigt sich beim Telekegeln auf der Spielekonsole. Statt mit einer echten Kugel zu agieren, wird virtuell gekegelt. Mittlerweile gibt es schon Meisterschaften, in denen unterschiedliche Städte gegeneinander antreten. Die aktiven Senioren brauchen dafür keinen Motivationscoach, ihr Ehrgeiz ist riesig.

Info
  • Die Quartiersentwicklung in Lauenburg und Mildstedt entstand auf Initiative der AWO Schleswig-Holstein. Die Idee: Gesellschaftliches Engagement soll gebündelt werden und die Ideen der Bürger großzügig in die gemeinsame Arbeit einfließen.
  • Seit etwas über einem Jahr gestaltet Claudia Löding das Zusammenleben im Quartier Lauenburg Mitte und hat schon viel erreicht. Die Deutsche Fernsehlotterie förderte ihr Projekt mit mehr als 100.000 Euro.
  • In Mildstedt ist seit dem Herbst 2016 Cosima Mähl an die Arbeit gegangen und freut sich auf ein spannendes Jahr mit den Menschen im Quartier. So wie das Projekt in Lauenburg hat die Deutsche Fernsehlotterie auch dieses Quartiersprojekt unterstützt – mit rund 104.000 Euro.

Das Konzept verbreitet sich

Die Entwicklung in Lauenburg war bisher so erfolgreich, dass bereits ein weiteres Quartiersprojekt in Mildstedt nahe Husum (Nordfriesland) entsteht. Verantwortlich dafür ist Cosima Mähl. „Wir Quartiersmanager sind Wunscherfüller“, sagt sie. „Wir eröffnen Wege, gehen müssen die Menschen sie aber selbst.“ Ihre neue Aufgabe ist für sie ein „absoluter Traumjob.“

Cosima Mähl erzählt vom Quartiersprojekt Mildstedt

In der Gestaltung ihres Quartiers baut Mähl auf die Lauenburger Erfahrungen. Da Mildstedt im Vergleich zu Lauenburg aber eher einen ländlichen Charakter hat, kann sie nicht alle Konzepte ihrer Kollegin auch auf ihr Quartier übertragen. „Wir müssen neue Gedanken und Ansätze ausprobieren.“ Auch diesen Prozess sollen die Mildstedter aktiv mitgestalten.

Wir ziehen bald ins neue Haus, ich bin echt happy.
Cosima Mähl, Quartiersmanagerin von Mildstedt

Das Quartier bekommt als Ort der Begegnung ein Haus mit Geschichte: die Alte Schule. Viele Anwohner haben dort selbst noch auf der Schulbank gesessen, mit dem alten Reetdachhaus verbinden sie ein Stück Kindheit. „Anfangs war im Haus alles braun und dunkel“, erzählt Mähl. Jetzt sei es frischer: helle Wände, abgeschliffener Fußboden. „Wir haben sogar einen Kamin. Den dürfen wir zwar nicht anmachen, aber es ist trotzdem so schön“, sagt Mähl. Sie ist voller Vorfreude: „Wir ziehen im Dezember ein, ich bin echt happy.“

Der jungen Quartiersmanagerin ist wichtig, dass sich die Mildstedter im zukünftigen „Dörpshus“ wohlfühlen: „Wir sind Sozialpädagogen und wollen immer integrieren und alles soll einen Sinn haben“, sagt sie. Doch die Leute im Quartier würden anders denken: „Die wollen einfach eine geile, lustige Zeit haben. Das dürfen wir nie vergessen.“

Audio

Singen auf Plattdeutsch.

2
Kommentare
Was möchten Sie in Ihrem Quartier verändern – diskutieren Sie mit

Sie können noch 500 Zeichen eingeben.

Toller Artikel über eine tolle Arbeit! Herzlichen Glückwunsch!

antworten

Ein sehr schöner Artikel und herzlichen Glückwunsch zu Deiner erfolgreichen Arbeit.

antworten

Das könnte Sie auch interessieren

Projekte

Hoffnung in dunklen Stunden

Der Alltag mit einem unheilbar kranken Kind ist schön und herausfordernd zugleich. Das Sorgentelefon Oskar ist für betroffene Familien da.
Mehr erfahren
Projekte

„Es geht mir saugut!“

Zum Welt-MS-Tag 2017: Das Johannes-Brenz-Haus bietet jungen Menschen mit neurologischer Erkrankung ein neues Zuhause.
Mehr erfahren
Du bist gefragt
Zurück nach oben