Ein Dorfcoach gegen die Ödnis

Immer mehr junge Menschen ziehen weg vom Land, zurück bleiben oft nur die Alten. In Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern kämpft jetzt ein Dorfcoach gegen die Vereinsamung der Senioren.

Anne Sokolowski wartet an der Haustür als Christel Schulz ihren roten Audi am Straßenrand stoppt. Anne Sokolowski ist 71 Jahre alt und nicht mehr so gut zu Fuß. Christel Schulz hakt die Dame deshalb unter und begleitet sie zum Auto. Ein paar Meter weiter hält Schulz wieder an. Dieses Mal, um die 73-jährige Hanne Kaplisch mitzunehmen. Dann fährt sie die Seniorinnen zum etwa 100 Meter entfernten „Gutshof Seeblick“. Dieses Ritual der drei Frauen wiederholt sich jeden Mittwoch um kurz nach vier. Danach ist es Zeit für Frauen-Yoga in Gehren, einem Ortsteil der Stadt Strasburg in der Uckermark.

Christel Schulz auf dem Weg zum Yoga-Kurs
Schulz im Gespräch mit zwei Seniorinnen. Alle drei haben eine Yoga-Matte bei sich.
Eine Seniorin öffnet die hintere Tür von Schulz rotem Audi.
Zwei Seniorinnen vor der Yoga-Stunde im Gespräch.

Frauen-Yoga, Fahrdienste, Wegbegleitung – das alles gehört zum Arbeitsalltag von Schulz. Seit November 2014 ist sie „Dörpkieker“ für alle Orte der Region Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern. Dörpkieker, das heißt Dorfcoach auf Plattdeutsch, der Sprache, die vor allem ältere Menschen in dieser Region sprechen. Und diese zu erreichen, ist das Ziel des Projektes, welches von der Volkssolidarität Uecker-Randow ins Leben gerufen wurde. Der Verein ist bekannt in der Region. Mit 550 Mitarbeitern stellt der soziale Träger von Kinderhorten über Essen-auf-Rädern bis hin zur Migrationsberatung so einiges auf die Beine. Mit den Jahren ist besonders der Bedarf an Unterstützung für ältere Menschen in den kleineren Orten der Region gestiegen. „Immer mehr junge Menschen ziehen weg vom Land“, sagt Schulz, „zurück bleiben oft nur die Alten. Die Gemeindestrukturen verfallen mit der Zeit.“

Das Wichtigste an unserer Arbeit ist, dass die Menschen sich treffen und gemeinsam lachen.
Christel Schulz, Dorfcoach in Uecker-Randow
Schulz im Gespräch mit ihrer Kollegin Adelheid Adler.

Dem entgegen zu wirken ist nun ihre Aufgabe. Die Volkssolidarität hat Schulz angestellt, um bröckelnde Strukturen zu reparieren, den Gemeinden wieder soziales Leben einzuhauchen. Sie erstellt Analysen über die Bedürfnisse der Bürger, reagiert mit mobilen Beratungsdiensten, der Organisation von Fahrgemeinschaften oder Freizeitangeboten. Das Projekt hat so großen Anklang gefunden, dass Schulz schnell Verstärkung brauchte: Seit dem Sommer wird die Vollzeitkraft zwölf Stunden in der Woche von Adelheid Adler und Olaf Moschell unterstützt. Sie organisieren Kochkurse, Stadtspaziergänge oder Begegnungen mit Flüchtlingen. „Das Wichtigste an unserer Arbeit ist, dass die Menschen sich treffen und gemeinsam lachen“, betont Schulz.

Das Team: Schulz, Adler und Moscholl beim Kaffeeklatsch.
Info
  • In Uecker-Randow gestalten die Dorfcoaches Christel Schulz, Adelheid Adler und Olaf Moschel die Freizeit der Senioren. Das Projekt der Volkssolidarität Kreisverband Uecker-Randow e.V. nennt sich „Dörpkieker“ und kämpft gegen die Vereinsamung älterer Menschen in ländlichen Gebieten.
  • Damit die Stellen der Dorfcoaches über mehrere Jahre finanziell gesichert werden können, hat die Deutsche Fernsehlotterie das Projekt mit über 80.000 Euro unterstützt. Wir sagen danke für den unermüdlichen Einsatz der „Dörpkieker“.
  • Beantragen auch Sie Fördergelder für Ihr Quartiers-Projekt. Infos in unserer Checkliste.

Gemeinsam dehnen beim Yoga

So wie beim Frauen-Yoga in Gehren, das die 61-Jährige selbst leitet. Vor dem Kurs tauschen die Frauen Klatsch und Tratsch aus und auch während der Stunde wird herzlich gelacht – über die eigene Ungelenkigkeit oder die Namen der Gymnastikübungen. Mindestens acht Frauen finden sich in Gehren mittlerweile jeden Mittwoch zum gemeinsamen Dehnen ein. Die Yoga-Stunde ist – wie die anderen Kursangebote des Dörpkieker – kostenlos.

Schulz und die Seniorinnen im Treppenhaus des Gutshof Seeblick.
Die Seniorinnen bei einer Yogaübung.
Die Seniorinnen sitzen auf ihren Yogamatten.

Eine Region voller Geisterdörfer

Für viele der Frauen ist diese eine Stunde in der Woche mittlerweile die einzige Möglichkeit, mit anderen Menschen aus der Region in Kontakt zu kommen. Viele können kein Auto fahren, Linienbusse in die zehn Kilometer entfernte Stadt Strasburg verkehren am Abend keine mehr. Wenn sie nicht vereinsamen wollen, sind die Bewohner auf die wenigen Angebote im Gutshof angewiesen.

Wenn sie uns die Räumlichkeiten hier einmal wegnehmen, haben wir gar nichts mehr.
Hanne Kaplisch, Seniorin aus Strasburg in der Uckermark

Gehren hat keine weiteren Gemeinderäume, Einkaufsmöglichkeiten gibt es schon lange nicht mehr, viele Häuser stehen leer. „Manche Orte hier in der Region wirken wie Geisterdörfer,“ sagt Schulz. Dass Gemeindetreffs wie der Gutshof erhalten bleiben, ist ein großes Anliegen der Dörpkieker. Deshalb beleben Schulz und ihre Kollegen die Gemeindetreffs bewusst mit Angeboten wie dem Yoga-Kurs. Durch ihr Engagement zeigen sie: Diese Räume sind wichtig für die Gemeinde. Das ist ein entscheidendes Zeichen, um die Infrastruktur in der Region zu erhalten.

Der Rückweg vom Yoga-Kurs in Gehren zum Büro der Dörpkieker in Torgelow zieht sich – die 25 Kilometer lange Strecke führt nur an wenigen Häusern und Höfen vorbei. „Die Region ist weitläufig“, sagt Schulz, „gerade deshalb ist die Gefahr der Verödung besonders groß.“ Gerade einmal 44 Einwohner kommen hier auf einen Quadratkilometer. Zum Vergleich: In der Oberpfalz leben 111 Einwohner, in Brandenburg 83 je Quadratkilometer. Trotzdem umfasst die Region Uecker-Randow 54 Gemeinden.

Der rote Audi von Schulz fährt eine Landstraße entlang. Weit und breit nur Wiese und Wald.
Ein verlassenes Haus am Straßenrand.

Mit Herz für Uecker-Randows Zukunft

Damit diese alle vom Projekt Dörpkieker profitieren können, teilen sich Schulz, Adler und Moschell die Arbeit in den verschiedenen Teilen der Region auf. Im Büro treffen sich die Kollegen nur selten zu Besprechungen, meistens sind sie unterwegs. Wie viele Kilometer Schulz jeden Tag mit ihrem roten Audi zurücklegt, kann sie gar nicht genau beziffern. Doch es macht ihr Spaß, unterwegs zu sein: „Die Fahrten genieße ich richtig. Ich liebe es, jeden Tag viele verschiedene Menschen aus der Region zu treffen.“

Schulz am Steuer ihres Autos.
Porträt von Schulz vor ihrem roten Audi. Sie blickt in die Ferne.

Die Region Uecker-Randow ist ihre Heimat, hier ist sie aufgewachsen, hier möchte sie alt werden. Dass die Region nicht ausstirbt, liegt ihr am Herzen. Doch durch das Engagement der Dörpkieker ist sie zuversichtlich: „Die Zukunft sieht gar nicht so schlecht aus.“

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Kommentar
Verödet ihre Region auch? Was wird dagegen getan?

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Eine wirklich tolle Sache, diese "Dorfcoach`s". Ich würde zu gerne gemeinsam mit meiner Tochter auf´s Land ziehen und mich in ähnlicher Form engagieren. Ich wohne ja bereist in MV. Herzliche Grüße an die Mitarbeiter vor Ort. Sonja

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