Die Warenretter

Jährlich müssen deutsche Hersteller einwandfreie Produkte im Wert von sieben Milliarden Euro vernichten. Wegen Überproduktion, falscher Etiketten oder ungenauer Befüllung. Das junge Sozialunternehmen Innatura vermittelt solchen Überschuss gezielt an bedürftige Organisationen. Die sparen damit viel Geld und haben mehr Mittel für ihre eigentlichen Aufgaben.

„Wir haben hier 200.000 falsch etikettierte Flaschen Shampoo, die wir nicht verkaufen können. Kennst du jemanden, der sie gebrauchen kann?“ Im Jahr 2013 versetzt diese ungewöhnliche Anfrage eines ehemaligen Kollegen die damalige Unternehmensberaterin Dr. Juliane Kronen sofort in Aktion.

Sie hat durch ihre Arbeit im Non-Profit-Bereich bei der Boston Consulting Group eine Vielzahl passender Kontakte für so ein Problem und klemmt sich schnell ans Telefon. Trotzdem: das Shampoo muss vernichtet werden, da keine der angerufenen Organisationen auf die Schnelle so viel Ware lagern kann.

Dr Juliane Kronen im Lager von Innatura

Die Idee zu Innatura ist geboren: Die gemeinnützige Gesellschaft vermittelt fabrikneue Markenartikel an wohltätige Organisationen. Im Gespräch erklärt die Visionärin, wie sie sozialen Initiativen helfen will und wie Unternehmen von Innatura profitieren.

Frau Kronen, wenn man durch Ihr Lager schlendert: welche Waren findet man da?
Wir nehmen nur absolut neue, einwandfrei verwendbare Produkte an, die wegen eines kleinen Makels nicht verkauft werden können oder einfach übrig sind. Keine Medikamente oder Lebensmittel, da sind die Tafeln ja bestens organisiert. Stattdessen freuen wir uns immer über Windeln oder Waschmittel und auch Spielzeug. Der Grund können falsche Etiketten sein, eine leicht falsche Abfüllmenge oder Stücke aus einem alten Sortiment. Kürzlich haben wir echte LeCreuset-Töpfe vermittelt. Viele der Markensachen, die Organisationen bei uns bekommen, habe ich selbst gar nicht zuhause, so fein sind die.

Überschüssige Fußbälle
Ein Mädchen spielt mit gespendeten Spielsachen
Zwei Jungen spielen mit gespendeten Spielsachen

Dinge, die sich ein Verein mit kleinem Budget sonst wohl nicht leisten kann?
Genau so ist es. Sie müssen bedenken, hochwertige Artikel können ja auch eine unglaublich positive Wirkung auf das Selbstwertgefühl der Empfänger haben. Ein Jugendlicher aus einer Reha-Einrichtung war sehr dankbar für Marken-Pflegeprodukte wie Duschgel, Haarwachs und Deo. Er meinte: „Ich fühle, dass ich endlich mal dazugehöre.“

Bisher bezahlen gemeinnützige Organisationen zwischen fünf und zwanzig Prozent vom niedrigsten Einkaufspreis für Markenartikel. Finanziert sich Innatura mit diesem Anteil?
Nein, leider reicht das noch nicht. Wir haben Gesellschafter, die Geld ins Unternehmen gesteckt haben. Denn Förderungen bekommen wir für unsere charity-to-charity-Vermittlung nicht, da wir nicht direkt mit den Begünstigten arbeiten. Es gibt neben uns einige Organisationen, die sozialen Initiativen bei der Arbeit helfen und ebenfalls nicht förderwürdig sind. Diese Regelung halte ich für total verkehrt.

Sonnenbrillen werden einer gemeinnützigen Organisation übergeben.

Inwiefern profitiert denn beispielsweise ein Kinderheim davon, wenn es bei Ihnen Windeln bestellt? Sollte so ein alltäglicher Bedarf nicht sowieso abgedeckt sein?
Natürlich können die Leiter von solchen Organisationen auch ohne unsere Hilfe Waschmittel, Windeln oder hochwertiges Spielzeug kaufen. Aber bei uns sparen sie mindestens achtzig Prozent auf den Einkaufspreis. Damit es bei den jährlichen Budgetverhandlungen dann keine Abzüge gibt, liefern wir auch gleich einen Nachweis über den Wert der Sachen ab. Am Ende bleibt viel Geld übrig, das die Leitung für die eigentlichen Kernaufgaben ausgeben kann.

Auch ein Verein muss rechnen und wirtschaftlich denken können.
Dr. Juliane Kronen vermittelt überschüssige Waren an gemeinnützige Organisationen

Zum Beispiel?
Da haben wir schon die schönsten Ideen gehört: Dass der Camping-Ausflug mit den Kindern im nächsten Sommer nach Italien geht – und nicht an den nächsten Baggersee. Oder dass in der Beratungsstelle für Drogensüchtige ein zusätzliches Notbett aufgestellt werden kann. Ein Jugendtreff hat deshalb seine Öffnungszeiten erweitert. Solche Erfolge berichten wir auch den Spender-Unternehmen. Die können mit überschüssigen Waren wirklich Freude stiften. Und nebenbei ist es auch nachhaltiger: Denn in Deutschland werden jährlich Waren im Wert von 7 Milliarden Euro vernichtet. Zum Glück dank uns nun deutlich weniger.

Zwei Junge Männer halten einen Werkezugkoffer, der durch Innatura vermittelt wurde

Sparen die Firmen denn auch Geld, wenn Sie deren Produkte abnehmen?
Momentan leider noch nicht, das ist ein steuerliches Problem: Wenn Sie Waren vernichten müssen, können Sie diese abschreiben. Gespendete Produkte müssen Sie aber wie einen Umsatz verbuchen und Umsatzsteuer bezahlen. Darum ist es nicht nur gleich teuer, sondern eher fünfmal so teuer, die Produkte an uns zu geben statt sie wegzuwerfen. Aber wir sprechen auch mit der Politik, damit sich an dieser Situation bald endlich etwas ändert.

Info
  • Die gemeinnützige Gesellschaft Innatura vermittelt fabrikneue Markenartikel an soziale Organisationen – von Verbrauchsgütern wie Waschmittel bis hin zum Kinderwagen.
  • Innatura sucht nach zusätzlichen Partner-Unternehmen, die ihre überschüssige und unverkäufliche Ware umweltfreundlich und für einen guten Zweck einsetzen wollen.
  • Empfängerorganisationen können die Produkte online bestellen und bezahlen zwischen fünf und höchstens zwanzig Prozent des niedrigsten Marktpreises. Innatura stellt dafür eine Wertbestätigung aus, damit das Budget der Organisationen nicht bei künftigen Verhandlungen womöglich wegen dieser einmaligen Ersparnis gesenkt wird.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie freut sich als Unterstützer zahlreicher gemeinnütziger Projekte über Initiativen, die den Verantwortlichen die Arbeit erleichtern. Denn so bleibt ihnen Zeit und Geld für die wirklich wichtigen Dinge.

Sie haben in den letzten Jahren insgesamt 580 Tonnen fabrikneuer Waren vor der Vernichtung retten können. Warum spenden die Unternehmen so fleißig, wenn es sich nicht rechnet?
Das hat viele gute Gründe: Procter & Gamble hat auch durch uns die Abfallquote deutlich reduzieren können und wurde sogar mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Das ist für ein Unternehmen eine tolle Botschaft. Sie lernen auch dabei: Wenn ein Unternehmen durch eine falsche Kalibrierung einer Abfüllanlage auf einen Schlag Ausschuss für 50.000 Euro herstellt, wird die Produktion die Kalibrierung künftig nach der ersten Palette prüfen und nicht erst am Schluss.

Die erste Lieferung an Innatura
Waschmittel im Lager von Innatura

Sie wurden von der Unternehmensberaterin zur gemeinnützigen Geschäftsführerin. Sicherlich profitieren Sie von Ihren Erfahrungen?
Es hilft natürlich, wenn man rechnen und wirtschaftlich denken kann. Ich beobachte leider bei manchen Organisationen das Gegenteil, da scheint das Budget vom Himmel zu fallen. Als Berater hat man zusätzlich noch eine zupackende Haltung gegenüber Problemen: Man lernt über die Jahre, dass man einen großen Hebel hat, Dinge zu beeinflussen und sogar globale Herausforderungen zu meistern. So eine Erfahrung brennt sich ein. Darum vernetzten wir uns auch gleich international, zum Beispiel mit „In Kind Direct“, der Vorbildorganisation von Prince Charles. Das hat uns ungemein geholfen.

Ich habe gelernt, wie vielfältig die Folgen von Armut sind.
Juliane Kronen, Gründerin Innatura gGmbH

Inwiefern?
Wir konnten sehr viele Prozesse auf uns übertragen und noch heute profitieren wir davon, wenn unsere britischen oder französischen Partner ein großes Spender-Unternehmen an Bord holen. Amazon zum Beispiel. Die haben uns inzwischen schon im siebenstelligen Wert Waren gespendet – meist schlichtweg Dinge, die ihnen unbestellt geliefert wurden oder die zu viel gekauft waren. Klar gibt es viele Leute, die an dem Onlinehändler aus anderen Gründen Kritik üben. Aber in dem Fall muss man das Engagement doch einfach mal anerkennen.

Eine Mitarbeiterin der Stadtmission entlädt Kisten

Sie waren schon während der sicherlich intensiven Zeit als Beraterin ehrenamtlich engagiert. Waren Sie da eine Ausnahme?
Nein, es ist ein Vorurteil, dass Menschen ab einer gewissen beruflichen Position nichts mehr für die Gemeinschaft tun. Im Gegenteil kenne ich viele Führungskräfte, die sich sehr stark gesellschaftlich engagieren. Vielleicht verteilen sie nicht Suppe an Wohnungslose oder lesen im Altenheim vor, aber sie verwenden ihre Kontakte, ihren Einfluss und ihre Erfahrung, um Dinge zu verändern, die falsch laufen.

Was hat denn Innatura Ihnen beigebracht?
Natürlich weiß man intellektuell, dass es Armut in Deutschland gibt, aber die Vielfalt und die persönlichen Folgen davon wurden mir erst jetzt so richtig bewusst. Es ist gleichzeitig beeindruckend, zu sehen, wie viele verschiedene Initiativen es in Deutschland gibt – in Bereichen, an die ich vorher nie gedacht hätte. Hausaufgabenhilfe für die Kinder von Prostituierten zum Beispiel, damit die eine gute Zukunft haben.

Es sind unglaublich viele Menschen für andere im Einsatz, das finde ich großartig.
Dr. Juliane Kronen

Wie Empfänger und Spender von der Zusammenarbeit mit Innatura profitieren, erklärt auch dieser Film des Unternehmens sehr gut.

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Kommentar
Wie können wir soziale Organisationen in ihrer Arbeit besser unterstützen – Diskutieren Sie mit

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[…] Die Deutsche Fernsehlotterie hat auf ihrem Projektportal „Du bist ein Gewinn“ über innatura berichtet. Auf dem Portal werden positive Beispiele sozialen Engagements vorgestellt. Das Interview mit innatura-Geschäftsführerin Juliane Kronen ist überschrieben mit „Die Warenretter“. Ein treffender Titel. http://www.du-bist-ein-gewinn.de/projekte/die-warenretter/ […]

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