Die Eltern ganz nah

Chronisch kranke Kinder müssen oft ins Krankenhaus. Damit sie dort nicht allein sind hat Gisela Hoyer den Eltern der Kinder ein Haus gebaut.

Das Haus hat heute morgen keine bunten Augen. Die Jalousien sind offen und so bleibt der Farbakzent des Wohnhauses in der Schubertstraße 7 zuerst unsichtbar. Es fügt sich bescheiden in die ruhige Wohngegend am Gelände des Dresdner Uniklinikums ein. Dann fährt Gisela Hoyer vor, steigt aus dem Auto und wirft die Tür mit Schwung zu. Die Rentnerin in sportlicher Lederjacke verbreitet Tatendrang.

Gisela Hoyer hat das Elternhaus Teddybär mitgegründet.

Sie mustert das Haus aufmerksam, als wolle sie sicher gehen, dass noch alles in Ordnung ist. Der Neubau von 2008 steht makellos da. Von außen mag das Elternhaus Teddybär wie ein normales Wohnhaus aussehen. Doch innen erkennt man ein klares Konzept. Hoyer hat beim Bau auf diese Zweckmäßigkeit geachtet. Sie schwärmt immer noch von der Zusammenarbeit mit dem Architekten.

Die Rolläden des Elternhauses Teddybär sind grün und orange.
Zum Elternhaus gehört auch ein kleiner Garten. Auf der Terrasse stehen Tisch und Stühle aus dunklem Holz.

Hoyer schließt auf. Der Hausflur still, das Licht gedämpft. Hier sollen Eltern chronisch kranker Kinder wohnen, sich ein bisschen zu Hause fühlen und den Kleinen im Klinikum nebenan nah sein. Im Elternhaus Teddybär stehen für Eltern 13 Apartments bereit. Sie sollen hier einen Rückzugsraum bieten und ein kleines bisschen Normalität in einer schwierigen Situation. Also ist das Haus vor allem eines: ruhig. Ein Elternpaar schleicht die Treppe herunter, nickt scheu, wird von Hoyer warm begrüßt.

Info
  • Schmerzen sind nicht das Einzige, was chronisch kranke Kinder im Krankenhaus quält. Oft haben sie Heimweh, vermissen Eltern und Geschwister. Die Dresdner Kinderhilfe e.V. hat deshalb das „Elternhaus Teddybär“ gebaut.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie förderte das Projekt bereits zwei Mal. Mit einer Summe von insgesamt rund 680.000 Euro wurde der Bau des Hauses unterstützt.
  • Beantragen auch Sie Fördergelder für Ihr Projekt. Infos in unserer Checkliste.

Ruhe und Austausch für Eltern

Die Stille ist wichtig. Damit sie niemanden stört, zeigt Hoyer nur leer stehende Zimmer. Die sehen modern aus, sauber und „recht nüchtern“, wie Hoyer selbst feststellt: Doppelbetten dominieren den Raum, an der Wand eine kleine Sitzecke, auf dem schmalen Weg zum Balkon eine moderne Küchenzeile. Die Badezimmer sind barrierefrei, mit ebenerdigen Duschen. Hohe Fenster spenden viel Licht. Je zwei Zimmer teilen sich einen Balkon. Das gehört zum Konzept; genauso dass im Zimmer kein Fernseher steht. „Wir wollten, dass sich die Eltern auch mal untereinander treffen“, sagt Hoyer. Das ist nicht einfach, wenn die sich in einer schwierigen, vielleicht traumatischen Lage befinden. Also können sie auf dem Balkon zusammenkommen. Oder beim Fernsehen – das einzige Gerät steht im gemeinsamen Aufenthaltsraum, einem gemütlichen großen Erdgeschosszimmer mit großen Sesseln und aufgedrehter Fußbodenheizung.

Die Zimmer sind hell und lichtdurchflutet: weiße Wände, ein weißes Doppelbett, heller Holzboden.
Die weiße Küchenzeile hat eine rote Wand.
Im Aufenthaltsraum gibt es neben einem Fernseher auch ein Bücherregal, in dem es nicht nur Bücher gibt, sondern auch Gemeinschaftsspiele.

Eine Lobby für chronisch kranke Kinder

Hoyer kommt selbst aus der Pflege, ist gelernte Kinderkrankenschwester, hat in der Lehre und als Dienstleiterin gearbeitet. Sie kennt die verschiedenen Ebenen der Pflege, hat erlebt, woran es oft fehlt. Geht es um kranke Kinder, dann ist sie die Lobby derer, die manchmal vergessen werden.

„Jeder spricht von Krebs“, sagt Gisela Hoyer. „Kinder mit chronischen, unheilbaren Krankheiten wie Mukoviszidose brauchen aber auch Hilfe.“ Sie geraten manchmal aus dem Blick, wenn es um Spenden geht. „Wir haben auch noch andere Kinder im Angebot“, hat sie dann salopp gesagt, wenn sie mal wieder zur Weihnachtszeit gefragt wurde, wo man für krebskranke Kinder spenden könne. Als sie die Einladung bekam, den Verein Dresdner Kinderhilfe mitzugründen, hatte sie die Idee für ein neues Projekt: das Elternhaus Teddybär. Den Anfang machten gemietete Räume. Die Deutsche Fernsehlotterie ermöglichte dann den Neubau direkt am Klinikgelände. Weitere Spender durften sich aussuchen, wie einzelne Zimmer benannt wurden.

Jeder spricht von Krebs. Kinder mit chronischen, unheilbaren Krankheiten wie Mukoviszidose brauchen aber auch Hilfe.
Gisela Hoyer, Initiatorin des Elternhaus "Teddybär"

Hoyers offene, gewinnende Art ist eines der Geheimnisse, warum das Elternhaus möglich ist, warum es bis heute so reibungslos läuft. Das sagt sie selbst nicht so, aber ihre Kollegen vom Verein schrieben es zum Abschied, als sie aus dem Vorstand ausschied. Hoyer nimmt sich Zeit für die eigenen Enkelkinder. Aber sie hilft noch im Haus, verwaltet das Handgeld. „Ich bin für die Finanzen zuständig“, sagt sie und lacht: „Aber keiner will putzen.“ Im Flur hängt ein Safe. Allein von den Spenden der hier lebenden Eltern kann das Haus überleben. Es ist möglich, weil nur der Hausmeister angestellt ist. All die Seelsorge, die Ordnung der Zimmer, die Dekorationen übernehmen ehrenamtliche Helfer. Das ist einzigartig.

Hoyer sitzt neben einem großen Plüschteddy am Tisch.
Porträt von Plüschteddy und Plüschelch am Tisch.

Im Aufenthaltsraum stehen Kinderbücher im Regal, Brettspiele und Puzzles. Am großen Tisch haben riesige Teddybären und ein flauschiger Elch Platz genommen. „Den kenne ich auch noch nicht“, sagt Hoyer und setzt sich dazu. Immer wieder kommen neue Kuscheltiere mit den Spenden nach und werden Familien gelegentlich mitgegeben.

Die Terrassentür führt in den Garten, in dem sich Eltern ebenfalls begegnen. Unter dem Schatten eines Baumes, auf der sanft ansteigenden Grasnarbe kann man den Neubau noch einmal betrachten. Und dann senken sich doch noch ein paar Jalousien. Grün und Orange: Es ist, als würde das Haus mit den bunten Augen blinzeln.

2
Kommentare
Wie können wir Eltern und ihren chronisch kranken Kindern helfen?

Sie können noch 500 Zeichen eingeben.

Das ist super, möchte ich mit ihnen als freiwillige arbeiten. Weil mein Sohn auch chronische erkranken hat. Aber kann ich nicht gut deutsch sprechen. Danke Mein E mail ist mahmoodiss786@gmail.com

antworten

Das ist super, möchte ich mit ihnen als freiwillige arbeiten. Weil mein Sohn auch chronische erkranken hat. Aber kann ich nicht gut deutsch sprechen. Danke

antworten

Das könnte Sie auch interessieren

Projekte

Gut beraten ins Studium

Leben finanzieren, Studium meistern, Praktikum ergattern: Bei Arbeiterkinder.de greifen Mentoren auf dem Weg ins Studium unter die Arme.
Mehr erfahren
Projekte

Erst steckt es an, dann heilt es: Über die Kraft des Lachens

Zum Weltlachtag: Ein kleines Lächeln kann ein Stück Heilung sein! Klinik-Clown "Socke" über die Kraft des Humors.
Mehr erfahren
Du bist gefragt
Zurück nach oben