„So herrlich frei“

Alina hat die Schmetterlingskrankheit, ihre Haut ist deshalb so dünn, dass die kleinste Reizung sie ernsthaft verletzen kann. Aber sie hat einen Therapeuten: die Stute Maggy.

Das Pferd hält plötzlich an, das Mädchen oben drauf lacht, die Reitlehrerin in der Mitte seufzt und schnalzt. Gemütlich setzt das Tier wieder einen Huf nach vorne, seine Reiterin streichelt sanft den Hals, das Pferd schnaubt zufrieden und das Mädchen lacht wieder.

Reitschülerin Alina Schierholz auf dem Rücken von Tinker-Stute Maggy.
In der Reithalle longiert Reitlehrerin Petra Mächold die Stute Maggy im Kreis. Auf ihrem Rücken sitzt Alina.
Porträt der Reitlehrerin Petra Mächold.

Wahrscheinlich spielt sich diese Szene an vielen Orten in Deutschland exakt so ab. Mädchen und ihre Liebe zu Pferden – die Geschichte ließe sich unendlich oft erzählen. Doch hier, in Berlin-Frohnau, ist etwas anders. Denn Alina Schierholz, die kleine Reiterin, die bei jedem Schritt strahlt, ist ein besonderes Mädchen. Seit ihrer Geburt leidet die 12-Jährige unter Epidermolysis bullosa, der sogenannten Schmetterlingskrankheit. Da ihrer Haut genetisch bedingt ein Kollagen fehlt, ist sie so dünn wie bei einem Schmetterling. Sie löst sich bei jedem noch so kleinsten Stoß ab.

Ihr Leben ist ein einziges Aufpassen

Schon die Naht von einem Unterhemd kann Alina verletzen, sodass sie Unterwäsche grundsätzlich immer falsch herum trägt, mit den Nähten nach außen. Selbst ein Knopf darf die Haut nicht berühren. Und wenn sie in der Schule zu lange schreibt, blutet schnell ihre ganze Hand. Ihr Leben, sagt ihre Mutter Michaela Schierholz, sei ein einziges Aufpassen. Nur auf dem Pferd ist Alina ein ganz normales Mädchen, das reitet. Wie tausend andere auch. Lediglich ein Fell auf dem Sattel schützt sie vor allzu harten Stößen.

Mächold, Maggy und Alina im Reitstall. Im Vordergrund ist Alina's Rollstuhl zu sehen. Die Radabdeckungen sind bunt.

Der beste Therapeut hat vier Hufe und schwarz-weißes Fell

Jeden Freitagnachmittag kommt sie hier her, auf den Hof der Stiftung Synanon. Die Einrichtung kümmert sich um Suchtkranke und bietet seit drei Jahren auch heilpädagogisches Reiten an. 13 Kinder und drei Erwachsene mit den unterschiedlichsten Krankheiten nehmen hier regelmäßig Reitunterricht. Autisten sind darunter, Querschnittsgelähmte, Gehörlose, eine Frau mit multipler Sklerose, ein Mädchen und ein junger Mann, die nach einer Gehirntumor-Operation wieder gestärkt werden sollen, und eben Alina, die an der unheilbaren Schmetterlingskrankheit leidet. Sie alle haben sich an ein Leben gewöhnt, das zu einem Großteil in Arztpraxen, Krankenhäusern und bei Physiotherapeuten stattfindet. Doch der beste Therapeut, darin sind sich alle einig, hat vier Hufe, schwarz-weißes Fell und hört auf den Namen Maggy. Die 18-jährige Tinker-Stute ist eins von drei Therapiepferden auf dem Hof. Fernab vom Lärm der Großstadt schafft dieses strubbelige Etwas, was weder Ärzte noch Medikamente vermögen: Die Kinder vergessen für einen Moment ihre Krankheit.

Alina sitzt auf einem Podest in ihrem Rollstuhl und streichelt die Nase von Maggy.
Info
  • Beim heilpädagogischen Reiten in Frohnau sind Pferde Therapeuten für körperlich und geistig behinderte Menschen. Das Besondere daran: Die Bewohner der Stiftung Synanon organisieren das heiltherapeutische Reiten im Rahmen der Suchtselbsthilfe. Eine speziell ausgebildete Reitlehrerin übernimmt den Unterricht.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie hat den Aufbau des Projekts mit rund 93.000 Euro gefördert.
  • Beantragen auch Sie Fördergelder für Ihr Projekt. Infos in unserer Checkliste.

„Maggy ist einfach toll“, sagt Alina. Sie sitzt im Rollstuhl neben dem massiven Kaltblut und streckt dem Pferd ihre zarte Hand entgegen. Das Pferd schnuppert daran und hält den Kopf so tief, dass Alina ihn streicheln kann. „Wenn ich auf ihr reite, merkt sie sofort, wenn ich unsicher bin. Dann hält sie sofort an.“ Alina strahlt. Passiert ist in den anderthalb Jahren, in denen sie nun schon Reitunterricht nimmt, noch nichts.

Mächold, Maggy und Alina vor der Reithalle. Alina streichelt die Nase von Maggy.
Maggy steht in ihrem Stall und streckt die Nase über das Absperrseil. Alina sitzt im Rollstuhl davor und streichelt über Maggy's Nase.
Alina sitzt im Rollstuhl und führt Maggy an einem Seil hinter sich her. Alina's Mutter schiebt den Rollstuhl vorwärts.
Maggy ist so sensibel und rücksichtsvoll, die schließt man sofort ins Herz.
Alina Schierholz, Reitschülerin Berlin-Frohnau

Als Alina zum ersten Mal den Wunsch äußerte, reiten zu wollen, sackte ihrer Mutter das Herz in die Hose. Reiten! Ausgerechnet! Hätte es nicht auch ein weniger gefährliches Hobby werden können? Schließlich hätte jeder Sturz verheerende Konsequenzen. Doch Alina blieb hartnäckig. Nein, es musste Reiten sein! Durch Zufall erfuhren sie von dem reittherapeutischen Angebot der Stiftung Synanon. Als Alina dann Maggy sah und sie zum ersten Mal auf ihrem Rücken saß, war es um sie geschehen: Alina wurde ein Pferdemädchen.

Mächold führt Maggy mit Alina auf dem Rücken über die Wiese. Alinas Mutter geht neben dem Pferd.
Porträt von Mächold. Sie lacht in die Kamera.
Das Gestüt.

Was ist, wenn Alina vom Pferd fällt?

Lange Zeit sei sie jeden Freitag, wenn wieder der Reitunterricht anstand, tausend Tode gestorben, erzählt die Mutter. Was, wenn Alina doch runterfällt? Oder im Stall etwas passiert? Im Sommer war Alina über einen Gartenschlauch im Garten gestolpert. Der ganze Körper war danach übersät mit offenen Wunden. So etwas darf nicht noch einmal passieren. Aber lauern auf einem Reiterhof nicht selbst für gesunde Kinder überall Gefahren?

Ihre ganze Körperhaltung war zusammengekauert. Sie hatte permanent Angst, sich zu stoßen.
Petra Mächold, Reitlehrerin auf dem Reiterhof der Stiftung Synanon

Inzwischen ist die Mutter gelassener geworden. Sie vertraut nicht nur Maggy, sondern sie sieht auch, wie das Reiten ihre Tochter verändert hat. Alina hat durch den Sport nicht nur einen besseren Gleichgewichtssinn – dadurch fällt sie viel weniger hin als zuvor – und mehr Muskeln bekommen. Auch traut sie sich durch die Arbeit mit dem Pferd mehr zu. Aus einem manchmal etwas unsicheren kleinen Mädchen ist ein kesser, selbstbewusster Teenager geworden.

Mächold führt Maggy mit Alina auf dem Rücken über gelbes Herbstlaub. Alinas Mutter geht neben dem Pferd.
Maggy, Alina, ihre Mutter und Mächold gehen über die Wiese. Das Foto zeigt die vier von hinten.
Zwei andere Pferde stehen auf der Koppel.

Petra Mächold, die Reitlehrerin, erinnert sich noch gut daran, wie sie Alina vor anderthalb Jahren erlebt hat. „Ihre ganze Körperhaltung war zusammengekauert. Sie hatte permanent Angst, sich zu stoßen.“ Wer heute sieht, wie selbstbewusst und gerade Alina auf dem Pferd sitzt, kann sich gar nicht vorstellen, dass sie einmal anders gewesen ist. Was ihr beim Reiten am meisten Spaß mache? Alina, die gerade aufs Gymnasium gekommen ist, muss nicht lange überlegen. Galoppieren natürlich! „Da fühl ich mich so herrlich frei.“

Mächold führt Maggy mit Alina auf dem Rücken über die Wiese. Alina streckt beide Arme senkrecht zur Seite aus.
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Kommentare
Welche Geschichten kennen Sie von Tieren, die Menschen helfen?

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Ja das war ich! Und danke an euch, dass ihr so was liebes schreibt. Das tut echt gut!????????

antworten
Tom lee Ostwald (21) – 13.05.2017, 21:20 Uhr

Hallo wo hsst du denn eigentlich die Therapie hemacht ? Und muss man ein reihthelm mit bringen oder kamman ein sus lein ?

Und jetzt habe ich Dich sogar im Fernsehen gesehen!

antworten

Ich wünsche allen Menschen auf der Welt, dass sie alle Gesund und glücklich bleiben. Egal ob mit Handicap oder nicht. Dir Alina wünsche ich von Herzen alles gute für Deine Zukunft.

antworten

Alina, Alina, dann habe ich Dich ja heute gesehen auf Maggy! Ich war der Mann mit dem Bart - der aussah wie ein Reiter und aber kein sehr guter war - weißt Du wer? Ich saß auf Woodstock, und Woodstock stand stur und stumm still und ließ sich nicht mal von Karotten ködern. Und in der Halle habe ich durch das Glas Dich galoppieren sehen wie ein Indianermädchen! - Das warst doch Du?

antworten

Das ist so mega bewegend und süß. Herzerwärmend. Ich fühle mit dir mit, Alina! Nicht vergessen, Schmetterlinge sind nicht nur zerbrechlich, sondern können auch fliegen. ????

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Ganz tolles Projekt ! Gute Besserung, liebe Alina.

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Das ist eine Ermutigung für viele Menschen zu zeigen das selbst wenn es ein Problem gibt das man denoch ein ganz normales Leben führen kann.Alina ist sehr mutig finde ich und ein Großartiges Beispiel für viele Menschen.Viel Glück,macht weiter so!

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Eine hoffnungsvolle Geschichte. Alina, ein sehr tolles Mädchen wünsche und der schönen Maggy weiterhin alles Gute! LG :)

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