Alltagshelden für Alte

Schon in jungen Jahren pflegte sie andere, nun wohnt eine Seniorin allein und braucht selbst Unterstützung. Doch Frau Drefke hatte Glück: Unter den „Grünen Damen und Herren“ in Hamm fand sie nicht nur eine Freundin, sondern neuen Lebensmut.

Beinahe hätte Eva-Maria Drefke schon aufgegeben. Es tue ihr furchtbar leid, hatte die Frau vom Besuchsdienst der „Grünen Damen und Herren“ am Telefon zu ihr gesagt, doch im Moment sei kein Ehrenamtlicher verfügbar, der sich um sie kümmern könne. Sie solle es in einigen Monaten noch mal versuchen. Frau Drefke war niedergeschlagen. „Ich bin eigentlich niemand, der hartnäckig bleibt“, sagt sie.

Eine alte Dame mit roter Perlenkette sitzt an ihrem Gartentisch und lächelt.
Eine Frau mit roten Haaren und lilafarbenem Sweater schneidet einen Kuchen an.
Ein Apfelkuchen steht angeschnitten auf einer schön gedeckten Kaffeetafel.

Doch heute sitzt die 79-jährige Dame vor den leuchtend roten Fuchsien in ihrem Garten, kostet von ihrem selbstgebackenen Apfelkuchen und strahlt, als sie ihre Geschichte erzählt. Denn einige Zeit nach ihrem ersten Versuch griff sie zum zweiten Mal zum Telefon – und dann kam Frau Rose.

Späte Freundschaft

Seit zwei Jahren besucht Margarete Rose ihre Klientin Frau Drefke einmal pro Woche zuhause. Dann gibt es Eiskaffee, und die beiden schauen sich gemeinsam Fotos an, surfen im Internet oder gehen einkaufen – und vor allem kümmern sie sich um den Garten von Frau Drefke, der in den schönsten Farben leuchtet. Dann schallt lautes Lachen in die Nachbargärten von Hamm-Herringen. „Frau Rose ist das große Glück“, sagt Eva-Maria Drefke, und schaut „ihre“ Grüne Dame an. „Wir sind richtige Freundinnen geworden“, sagt Margarete Rose.

Zwei Frauen, eine ältere auf dem Stuhl und eine mit roten Haaren sind im Garten und lachen von Herzen.

Der ambulante Besuchsdienst der „Grünen Damen und Herren“ in Hamm ist etwas Besonderes. Denn wo die Hilfsorganisation der evangelischen Kirche sonst dafür bekannt ist, Patienten in Krankenhäusern und Altenheimen zu besuchen, kommen die „Grünen Damen und Herren“ in Hamm zu den Menschen nach Hause.

Auch der Kopf braucht Training

Nach einer Schulung verbringen die Ehrenamtlichen einmal pro Woche zwei bis drei Stunden bei Demenzkranken – oder bei Menschen wie Frau Drefke, die noch geistig fit, aber nicht mehr so mobil und deshalb oft einsam sind.

Ein Medikament gegen Demenz gibt es nicht. Aktivierung ist die beste Medizin.
Wera Witkowski, Vorsitzende der „Grünen Damen und Herren“ in Hamm

„Prävention ist sehr wichtig, damit einsame Menschen nicht in eine Depression oder Demenz hineinfallen“, sagt Wera Witkowski, die Vorsitzende der „Grünen Damen und Herren“ in Hamm. „Wenn alten Menschen die Ansprache fehlt, büßen sie auch irgendwann ihre Sprachfähigkeit ein.“ Auch das Fitbleiben im Kopf ist also Übungssache – und deshalb unternehmen die Ehrenamtlichen so viel wie möglich mit ihren Klienten: Ob das nun singen, einkaufen oder Gartenpflege ist.

Die Leiterin des Projekts "Grüne Damen und Herren" in Hamm sitzt in ihrem Büro und erzählt.

„Ein Medikament gegen Demenz gibt es nicht. Aktivierung ist die beste Medizin“, sagt Wera Witkowski. „So können sie so lange wie möglich ihre Selbstbestimmung behalten.“ Etwa 130 Ehrenamtliche sind für den Besuchsdienst im Einsatz. Die meisten sind selbst schon im Ruhestand, aber noch fit genug, sich um andere zu kümmern – und froh, eine neue Aufgabe zu haben.

Info
  • Seit zehn Jahren gibt es den ambulanten Besuchsdienst der evangelischen Pflegedienste im Kirchenkreis Hamm. Ehrenamtliche besuchen alte, alleinstehende oder demenzkranke Menschen zuhause. Sie werden dafür als Senioren- und Demenzbegleiter ausgebildet.
  • Daneben schulen die „Grünen Damen und Herren“ in Hamm auch Angehörige, bieten eine Tagesbetreuung für Demenzkranke und eine Patientenbegleitung für alte und alleinstehende Menschen bei Krankenhausaufenthalten oder Arztbesuchen an. Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützte das Projekt mit rund 26.000 Euro.
  • In Deutschland leben 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Jährlich erkranken etwa 300.000 neu. Gemeinsam mit der Allianz für Demenz möchte die Deutsche Fernsehlotterie für die Situation Betroffener sensibilisieren und mehr Verständnis und Unterstützung für Betroffene und ihre Angehörigen schaffen.
Für alte Menschen gibt es so viel zu tun, und ich habe doch Zeit.
Margarete Rose, Ehrenamtliche des Projekts „Grüne Damen und Herren“ in Hamm

Auch Margarete Rose suchte nach einem neuen Fokus im Leben: Sie ist 64 und kann ihren Beruf als Zahnarzthelferin seit einem Bandscheibenvorfall nicht mehr ausüben. „Damals ging es mir sehr schlecht“, sagt Margarete Rose, und damit meint sie nicht nur die körperlichen Beschwerden.

Seit sie sich ehrenamtlich um alte und demenzkranke Menschen kümmert, geht es ihr jedenfalls deutlich besser: „Da gibt es so viel zu tun, und ich habe doch Zeit“, sagt sie. Für die „Grünen Damen und Herren“ ist sie an drei bis vier Tagen pro Woche im Einsatz.

Eine ältere Dame sitzt mit ihrer etwas jüngeren Freundin am Laptop, die Freundin zeigt ihr etwas auf dem Bildschirm.
Eine etwas jüngere und eine alte Frau sehen sich eine Seite auf der Plattform Facebook an.

Was die Selbstbestimmung angeht, hat Frau Rose bei ihrer Klientin sogar ein kleines Wunder bewirkt. Als sie sich kennen lernten, saß Frau Drefke im Rollstuhl. Ihr Rücken war kaputt, nachdem sie sich ihr ganzes Leben lang um andere Menschen gekümmert hatte. Mehr als vierzig Jahre arbeitete sie in ihrem Beruf als Krankenschwester. Schon als junges Mädchen pflegte sie zudem ihre Mutter nach einem Schlaganfall, und später ihren an Parkinson erkrankten Lebensgefährten.

Nach dem Tod ihres Partners war sie allein und wurde nach einer Rückenoperation selbst zum Pflegefall. Bis auf den gelegentlichen Besuch ihrer Nichten, die bei Köln leben, hat Frau Drefke keine Verwandten mehr, die sich um sie kümmern können. Auch ihr Bruder ist bereits verstorben.

Eine etwas jüngere Frau wartet mit Krücken, bis eine ältere Dame aus dem Auto ausgestiegen ist.
Eine ältere Dame mit oranger Perlenkette und grauem Haar lächelt.
Eine etwas jüngere Frau und eine ältere Dame mit Krücken gehen gemeinsam über die Straße.

Doch da ist ja Frau Rose. Sie ermunterte sie, zur manuellen Therapie zu gehen. Dass Frau Drefke nun wieder am Rollator gehen kann, verdankt sie ihrer Freundin wohl mindestens so sehr wie der Ärztin, bei der sie in Therapie war. Worte können manchmal eben Wunder wirken: „Es war fast wie im Fernsehen“, sagt Frau Rose. „Sie fuhr im Rollstuhl hinein – und kam am Rollator wieder heraus.“

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Kommentar
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Die Fotos von Jan Ehlers finde ich sehr schön!

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