Alleinerziehend, nicht allein

Keine Nacht durchschlafen, schlechte Noten, zu wenig Geld – Alleinerziehende stehen mit vielen Problemen alleine da. Beim Projekt „Gina“ finden sie Austausch und Gelassenheit.

Acht Jahre lang waren sie ein Paar. Zwar nicht verheiratet, aber ein Team. Gemeinsam hatten sie ein Haus gebaut, einen Betrieb im ökologischen Obstbau gegründet und gerade erst eine Tochter bekommen. Dann trennte sich Melanie Weber*. Warum? Sie zuckt die Schultern, schaut mich aus großen Augen an. Manchmal könne man einfach nicht mehr wie bisher weitermachen.

Sie wohnten noch ein paar Monate im gemeinsamen Haus, ihre Tochter wurde ein Jahr alt. Dann begann Webers Mann eine Affäre mit einer anderen Frau. Sie weiß nicht, ob es die andere schon vor der Trennung gab. Weber packte ihre Sachen, zog mit dem Kind zu einer Freundin. Dann kam der Rosenkrieg. Als hätten sie beide nicht schon genug verloren.

So konkret redet Melanie Weber sonst nicht mit Fremden über ihr Schicksal, deshalb ist dies auch nicht ihr tatsächlicher Name. Wir sitzen an einem runden Holztisch des Mädchen- und Frauentreffs „Puella“, der zum Caritas-Fachverband „In Via“ gehört. Ein Altbau direkt neben der Fußgängerzone von Baden-Baden. Weber kommt jede Woche hierher.

Die Soziologin Silke Kamara hat das wöchentliche Treffen gemeinsam mit „In Via“ ins Leben gerufen.
Kamara erzählt von der Idee zu „Gina - gestärkt in den Alltag“.

Den Alltag gelassener meistern

Denn immer mittwochs finden die Treffen des Projekts „Gina – gestärkt in den Alltag“ statt. „In Via“ hat es zusammen im Team mit der Soziologin Silke Kamara ins Leben gerufen. Mit ihrer Arbeit bei „In Via“ hatte sie bislang alleinerziehenden Frauen geholfen, eine Teilzeitausbildung zu finden, und dabei gemerkt, dass Arbeit bei Weitem nicht das einzige ist, wobei viele der Frauen Unterstützung brauchen könnten. Sie schrieben ein Konzept, das Frauen und ihren Kindern helfen soll, den Alltag gelassener zu meistern, indem sie sich mit Fragen auseinandersetzen wie: Wie setze ich Grenzen und stärke gleichzeitig die eigene Selbstbehauptung und die meines Kindes? Wie kann ich die Natur zu einem Ventil machen und damit gleichzeitig die familiäre Beziehung offener und kreativer gestalten? Was bringen uns Netzwerke, egal ob analoge oder digitale?

Wairich sieht sich mit den Müttern die Bilder vom Ausflug an.
Wairich im Gespräch.
Kamara und Wairich unterhalten sich. Zwischen ihnen ein Tisch, auf dem Bilder von einem Ausflug, den sie im Sommer mit den Frauen und ihren Kindern gemacht haben, ausgebreitet sind.
Info
  • Das Projekt „Gina – gestärkt in den Alltag“ der „In Via“ in der Erzdiözese Freiburg e.V. unterstützt vorwiegend alleinerziehende und armutsgefährdete Mütter bei der Alltagsbewältigung.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie hat das Projekt mit knapp 72.000 Euro gefördert.
  • Beantragen auch Sie Fördergelder für Ihr Projekt. Infos in unserer Checkliste.

Grenzen setzen, dieses Thema war für Weber sehr wichtig. Nicht der Tochter gegenüber, sondern sich selbst. Manchmal war der Stress einfach zu groß. Weil sie nicht verheiratet gewesen waren, blieb ihr nichts – das Haus, die Firma, alles gehörte den Papieren zufolge ihrem Mann.

Ich gehe jetzt halt putzen, ein Minijob.
Melanie Weber, Teilnehmerin des Mädchen- und Frauentreffs „Puella“

Nur die Tochter blieb bei ihr, aber Kindererziehung und Fürsorge sind weiß Gott nicht immer leicht. Manchmal hat sie ihren Frust deshalb an der Tochter ausgelassen. Das konnte sie allerdings erst durch die regelmäßigen Treffen mit den Gina-Mitarbeiterinnen Silke Kamara und Maria Wairich reflektieren. Gemeinsam mit sechs anderen Frauen haben sie Strategien entwickelt, um das zu vermeiden.

Das Thema heute ist praktischer. Kamara und Wairich haben an diesem Tag Fotos von einem Ausflug in den Wald dabei, den sie mit den Frauen und ihren Kindern im Sommer gemacht haben. Daraus wollen sie ein Fotoalbum basteln. Die Bilder liegen auf einem Tisch im größten Raum des Frauentreffs. Die Frauen beugen sich darüber und suchen nach den eigenen Kindern.

Wairich im Gespräch mit einer alleinerziehenden Mutter.
Eine Mutter positioniert Bilder auf gelbem Tonpapier.
Die Bilder werden festgeklebt, es entsteht die erste Seite des Fotoalbums.

Ohne Freunde wird’s schwer

Als Natascha Kusnezowa sich von ihrem Mann trennte, waren sie gerade im zehnten Jahr ihrer Beziehung. Sie hatten in Russland geheiratet, ihrem Heimatland. Ihr Mann, der in Deutschland aufgewachsen war, nahm sie mit in das ihr fremde Land. Aus der jungen Ingenieurin wurde eine Hausfrau und zweifache Mutter. Als ihre Tochter fünf wurde, der Sohn zwei, kam der Mann abends immer später von der Arbeit nach Hause, meistens setzte er sich dann an den Computer, redete kaum mit ihr, beschäftigte sich nur selten mit den Kindern. „Ich war eh allein“, sagt Kusnezowa. „Da konnte ich auch gehen.“

Wairich plaudert mit den Müttern.

Das ist jetzt zwei Jahre her, aber Kusnezowa fühlt sich häufig immer noch allein. Ihre gesamte Familie ist in Russland, doch die Kinder sind in Deutschland zuhause. Als es bei „Gina“ um Netzwerke ging, wurde ihr schmerzlich bewusst, wie wenig Freunde sie eigentlich hat, die ihr mit den Kindern unter die Arme greifen. Bei einem der nächsten Treffen will sie sich deshalb mit den anderen Frauen ein Mehrgenerationenhaus nicht weit von Baden-Baden anschauen – dort leben verschiedenste Leute unter einem Dach und helfen sich gegenseitig.

Eine Universallösung gibt es nicht

Manchmal entwickeln sich auch bei „Gina“ Freundschaften, denn andere Alleinerziehende verstehen oft besonders gut, wo Probleme liegen, und haben Lösungsvorschläge. Wenn die Frauen reden, mischen sich die Mitarbeiterinnen Kamara und Wairich häufig nur am Rande ein. Dann geben sie methodische Hinweise oder einen Rat, in welche Richtung man noch denken könnte. „Eine Universallösung gibt es ja nicht“, sagt Wairich. „Jede Frau entscheidet selbst, was sie mitnimmt und was nicht.“

Kamara notiert wichtige Ergebnisse der Gesprächsrunde.
Wairich und Kamara geben den Müttern Tipps für den Alltag.

Die Sozialpädagogin schätzt an dem Projekt vor allem die Gestaltungsfreiheit. Trotz des groben Konzepts bestimmen die Frauen selbst, welches Thema sie besprechen wollen oder ob sie Yoga machen möchten, um sich zu entspannen. So auch heute: Während Weber und Kusnezow Fotos auf bunte Pappe kleben und in verschnörkelten Buchstaben darunter schreiben, welches Spiel darauf zu sehen ist, beschließen sie, im November noch einmal einen Ausflug in den Wald zu machen. Diesmal wollen sie Laub und Kastanien mit ihren Kindern sammeln und damit gemeinsam basteln.

*Name von der Redaktion geändert

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Kommentare
Babysitten oder zusammen einkaufen – wie können wir Alleinerziehende im Alltag unterstützen?

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Ich biete meine Hilfe in Köln an, wenn eine alleinerziehende Mutter einmal in der Woche abends etwas für sich tun möchte. Aus eigener Erfahrung kenne ich die Probleme einer alleinerziehenden Mutter. Ich hatte damals vermisst einmal etwas alleine ohne Kind mit Freunden zu unternehmen oder auch einmal einer VHS Kurs machen zu können, wo es nur um mich ging.

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Regierung sieht AE immer noch das letzte. Deshlab will auch keiner Kinder

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